Miteinander

Die Bedrohung durch das Virus fördert das solidarische Bewusstsein

Almut (Ludwig und)

Von Almut (Ludwig und)

Sa, 21. März 2020

Leserbriefe

Zu: "Ohne Kultur kein Miteinander", Beitrag von Alexander Dick (Kultur, 17. März)
Das weltweite Ausmaß der Verbreitung des neuen Coronavirus ist besorgniserregend und beängstigend. Die Welt, wie wir sie zuvor kannten, ist nicht mehr dieselbe. Was sich vor zwei Wochen noch kaum jemand hätte vorstellen können, ist heute Realität: Schulen und Kitas, Bäder, Bars und Restaurants, Theater und Museen sind geschlossen. Kaum fassbare Bilder: Auf den Straßen herrscht eine merkwürdige ungewohnte Leere.

Aber die Bedrohung durch das Coronavirus hat auch positive Aspekte im Hinblick auf die aktuellen Probleme. Die Natur atmet auf, die Luft in Wuhan ist, wie Satellitenaufnahmen zeigen, plötzlich rein. Am Himmel zeigen sich weniger Kondensstreifen, der Flugverkehr hat um mehr als 50 Prozent abgenommen, das Auto wird nur noch benutzt, wenn unbedingt nötig. Es scheint, als wäre die Luft auch in Freiburg so klar und frisch wie schon lange nicht mehr. Der Frühling hat begonnen, überall spürbar, sehbar und riechbar. Wir sehen und spüren dies in unserer Umgebung, weil wir plötzlich Zeit zum Wandern haben.

Die Empfehlung einer drastischen Reduktion sozialer Kontakte lenkt die Aufmerksamkeit auf das Erwachen der Natur in bisher nicht bekannter Intensität. Die Zeit des Sich-Zurückziehens ist eine Zeit der Besonnenheit, in der wir uns wieder auf das Wichtige konzentrieren können. Es ist auch eine Zeit der Hilfsbereitschaft, in der die Menschen wie schon lange nicht mehr bereit sind, füreinander da zu sein. Die Bedrohung durch das Virus fördert das solidarische Bewusstsein, man rückt zusammen, wenn nicht schon vorhanden, entstehen neue nachbarschaftliche Netzwerke.

Darüber hinaus ist es eine Zeit der Ruhe und des Nachdenkens. Ein kostbares Gut, die Zeit, wird uns plötzlich geschenkt: weniger Termine, keine gesellschaftlichen Verpflichtungen, weniger Einladungen. Das Sich-Loslösen von den Fesseln des durchgetakteten Terminkalenders eröffnet die freie selbstbestimmte Gestaltung der Stunden und Tage.

Man darf die Gefährdung durch das Virus nicht schönreden, aber sie eröffnet auch andere Möglichkeiten, ein Betreten zu wenig benutzter oder noch unbekannter Räume. Almut, Ludwig undPhilipp Quaas, Freiburg