Klassik

Die große Lieb...: Der Freiburger Bachchor mit Bachs Johannes-Passion

Johannes Adam

Von Johannes Adam

So, 17. März 2019 um 18:41 Uhr

Klassik

Tradition haben die beiden großen Bach-Passionen in der vorösterlichen Zeit beim Freiburger Bachchor: In diesem Jahr galt’s der Johannes-Passion – im Münster und tags darauf im Konzerthaus.

Jesu Kreuzestod vor 2000 Jahren – was hat das mit uns zu tun? Die aktuelle Aufführung von Bachs Johannes-Passion im Freiburger Münster stellte sich dieser Frage. Die gar nicht so leicht zu beantworten ist. "Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn, muss uns die Freiheit kommen": Wie in Zeitlupe, wie buchstabiert und zudem verhalten klang dieser E-Dur-Choral jetzt beim Freiburger Bachchor. Warum? Aus Gründen frommer Ehrfurcht oder, ganz nüchtern, weil es sich um ein Faktum handelt, das rational nicht erklärbar ist? Gerade bei den Chorälen nutzte der Dirigent Hannes Reich die Gelegenheit, uns und dem Heute diesen überzeitlichen Passionskasus zu vermitteln. "O große Lieb", dazu mit der dehnenden Fermate über dem Dur-Akkord bei "Lieb": Wie ein Motto wirkte das, wie ein Deutungsmuster der christlichen Erlösungstat.

Die Interpretation hatte ihre musikalischen Meriten. Der Bachchor zeigte sich im Jubiläumsjahr in exzellenter Form: Den beherzt und flott nachgerade in Szene gesetzten polyphonen C-Dur-Schacherchor "Lasset uns den nicht zerteilen" macht ihm so schnell keiner nach. Die Präsenz bei den dramatischen Turba-Aufgaben: eindrucksvoll! Spätestens beim fast entspannten "Ruht wohl" gegen Ende war auch jene Balance erreicht, die man vor allem im Eingangschor noch vermisst hatte, als das Orchester von der Chorschar beinah zum Statisten degradiert worden war. Das sich in seiner Ästhetik an barocken Aufführungsgepflogenheiten orientierende und von Lisa Immer kompetent angeführte Bachorchester gefiel – im Kollektiv und bei den Soli (einer für alle: Gambist Lorenz Duftschmid).

Erfreuliches ist von den Vokalsolisten zu melden. Mit (dem bei Bernhard Gärtner ausgebildeten) Philipp Nicklaus wurde die Evangelistenpartie von einem jungen Tenorlyriker geprägt, der Zukunft haben dürfte. Der Quasthoff-Eleve Thomas Stimmel gab einen selbstbewussten, salbungsfreien Christus mit Bassqualitäten.

Mit dem sehr überzeugenden Bassbariton Simon Robinson waren die übrigen Tiefenpflichten bestens besetzt. Magdalene Harer punktete mit Sopranleuchten, die Altistin Henriette Gödde mit Wärme.

Zum Thema "Engelein": Im Gefüge des Es-Dur-Schlusschorals gestaltete Dirigent Reich, der immer souveräner wird, den Abgesang ("Alsdenn vom Tod erwecke mich") als Crescendo. Wie ein Appell dann das zweimalige "erhöre mich". Das sind wir. Das bin ich.