Unterm Strich

Die Londoner Oper will Covid-19-Patienten beim Atmen helfen

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Do, 11. Februar 2021 um 15:30 Uhr

Klassik

"Wo man singt, da lass’ dich ruhig nieder; böse Menschen haben keine Lieder." In der Corona-Krise ist diese Erkenntnis – die natürlich keineswegs durch knallharte Fakten gedeckt ist – außer Kraft gesetzt.

Singen darf gemeinschaftlich niemand, ob er gute oder böse Absichten hat. Noch nicht mal in der Kirche hinter einer FFP2-Maske sind melodische Verlautbarungen erlaubt. Warum das so sein muss – hier ist nicht der Platz, um das zu erörtern.

Von diesem ehernen Aerosolgesetz gibt es jetzt aber eine Ausnahme. Ausgerechnet in der Oper, dem toxischsten Ort für alle musikalischen Schwingungen der Stimme, darf jetzt wieder gesungen werden. Nun ja, natürlich nicht physisch. Auch in der English National Opera in London sind Bühne und Zuschauerraum bis auf weiteres ein Closed Shop. Aber die Gesangslehrer der Institution, die gerade ziemlich viel Zeit haben, stellen ihre Expertise jetzt in den Dienst von Corona-Patienten. Mit Hilfe von Schulungen der physischen Vorgänge, die auch dem Singen zugrundeliegen, wollen die Fachkräfte Langzeiterkrankten mit eingeschränkter Lungenfunktion online Techniken vermitteln, mit denen sich zum Beispiel anhaltende Atemnot bekämpfen lässt.

Zwölf Patienten, vermeldet der National Health Service, der britische Gesundheitsdienst, sei schon mit dem Erlernen von Atemtechniken geholfen worden. Und das ist erst der Anfang. Tausend Erkrankte möchte die Oper mit ihrem Hilfsprogramm erreichen. Als Ausgangspunkt für die positive Beeinflussung des Luftstroms, der in die Lunge gelangt, nutze man, teilt die Oper mit, beruhigende Schlaflieder: Durch deren Singen werde die Atmung umgeschult.

Dass das Singen dem körperlichen und seelischen Wohl dient, hat wohl jeder und jede schon erfahren, die zu Hause in der berühmten Badewanne oder anderswo losschmettert. Dass ausgerechnet infektionsförderndes Singen Postinfizierte heilen kann, ist eine für Musikfreunde am Ende doch tröstliche Botschaft.