Ehe-Aus nach 27 Jahren

Frank Herrmann

Von Frank Herrmann

Mi, 05. Mai 2021

Panorama

Völlig überraschend lassen sich Bill und Melinda Gates scheiden.

. Es gab sie, die Signale, die Probleme vermuten ließen. Vor zwei Jahren, in einem Interview mit der Londoner Sunday Times, hat Melinda Gates dezent angedeutet, welchen Spannungen ihre Ehe mit Bill ausgesetzt war. Ihr Mann, blendete sie auf die Anfänge zurück, habe lange überlegt, ob er heiraten solle. Die Entscheidung sei ihm schwergefallen, so schwer, dass er Punkt für Punkt Pro und Contra auflistete. Nur sei es dabei nicht um sie gegangen, sondern um seine Zweifel: "Kriege ich die Balance zwischen Arbeit und Familie hin?" Oft habe er dann 16 Stunden am Tag gearbeitet. Man könne ihr glauben, schob sie hinterher, es habe Tage gegeben, an denen die Ehe solchen Belastungen ausgesetzt war, dass sie sich gefragt habe: "Schaffe ich das?"

Natürlich wäre es albern, aus einem Interview zu viel abzuleiten. Über ihr Privatleben haben Bill und Melinda Gates in der Öffentlichkeit so gut wie nie gesprochen. Gerade in Zeiten der Pandemie haben sie sich wiederum oft gemeinsam zu Wort gemeldet, um über die Entwicklung und die gerechte Verteilung von Impfstoffen zu reden. Außenstehende konnten nicht ahnen, dass diese Ehe vor dem Aus stand. In Wahrheit hat die Nachricht über die Trennung überrascht wie der sprichwörtliche Blitz aus heiterem Himmel.

Über die konkreten Gründe sagt das knappe Statement, das beide, er 65, sie 56 Jahre alt, parallel bei Twitter verbreiteten, praktisch nichts. "Nach reiflicher Überlegung und viel Arbeit an unserer Beziehung haben wir die Entscheidung getroffen, unsere Ehe zu beenden", schreiben sie. Die gemeinsame Tätigkeit in der Stiftung wolle man fortsetzen, "wir glauben aber nicht mehr daran, dass wir als Paar in der nächsten Lebensphase gemeinsam wachsen können". Im Scheidungsantrag, eingereicht in Seattle, ist von einem unwiderruflich gescheiterten Ehebund die Rede.

Wie es begann, auch darüber hat Melinda Gates ein paar Anekdoten zum Besten gegeben, in "The Moment of Lift", einem Buch über ihr gemeinnütziges Engagement, ebenso wie in einem von Netflix produzierten Dokumentarfilm. 1987 fing Melinda French, aufgewachsen in Texas, Absolventin der Duke University in North Carolina, bei Microsoft an. Vier Monate nach dem Start begleitete sie den Gründer der Firma auf einer Dienstreise nach New York. Zurück in Seattle, stellte Bill Gates bei einem Flirt auf dem Parkplatz die Frage, ob sie in zwei Wochen mit ihm ausgehen wolle. Sie lehnte ab: Das sei ihr nicht spontan genug, er solle sie kurz vor Ablauf der zwei Wochen noch einmal fragen. Eine Stunde später rief er an, um sie noch am selben Abend zum Dinner einzuladen. "Ist das spontan genug für dich?", zitierte sie ihn bei Netflix. 1994 folgte die Hochzeit auf Lanai, einer der kleineren Inseln Hawaiis.

Die Stiftung soll unter der Trennung nicht leiden

Nachdem Bill den Posten des Microsoft-Chefs an seinen Mitstreiter Steve Ballmer übergeben hatte und im selben Jahr, 2000, die Bill & Melinda Gates Foundation entstanden war, trat seine Partnerin – von Jahr zu Jahr sichtbarer – aus seinem Schatten heraus. 2006 sprach sie im Weißen Haus über den Kampf gegen Malaria, 2010 während der UN-Generaldebatte über den Kampf gegen Armut. Mit ihrem Schwiegervater lenkte sie die Geschicke einer Stiftung, die mittlerweile die größte private der Welt ist, ein globales Schwergewicht in den Bereichen Gesundheitsversorgung, Entwicklungszusammenarbeit und Familienplanung.

Etwa 55 Milliarden Dollar sind bislang in Projekte rund um den Globus geflossen. Dass der Einsatz fürs Gemeinwohl unter der Trennung nicht leiden soll, haben beide, Bill wie Melinda, deutlich gemacht. Gleichwohl melden sich Skeptiker zu Wort. Zu ihnen gehört Robert Reich, Politikwissenschaftler an der Universität Stanford. Die Scheidung, orakelt er, könnte nicht zu unterschätzende Folgen für die Stiftung haben. Vielleicht nicht sofort, wohl aber dann, wenn die nächsten Strategien zu formulieren und die nächsten Budgets zu beschließen sind. David Callahan, Gründer der Webseite "Inside Philanthropy", prophezeit wiederum, dass Melinda Gates – eigenständig – eine herausragende Rolle im karitativen Sektor spielen wird. Dass sie womöglich noch viel mehr von ihrem Reichtum abgibt, als es bisher der Fall war.

Das Vorbild wäre MacKenzie Scott. Scott, bis 2019 mit dem Amazon-Gründer Jeff Bezos verheiratet, spendete allein 2020 sechs Milliarden Dollar für einen guten Zweck – laut Forbes ein Zehntel ihres Besitzes. Das Vermögen des Ehepaars Gates wird auf 124 Milliarden Dollar geschätzt. Wird die Trennung nach den Gesetzen von Washington vollzogen, steht beiden davon exakt die Hälfte zu.