Ein gelernter Ortenauer mit südfranzösischer Seele

Ralf Burgmaier

Von Ralf Burgmaier

Do, 08. August 2019

Offenburg

LAND UND LEUTE: Mit "Durch den Süden Frankreichs" hat Manfred Hammes sein reiseliterarisches Meisterwerk geschrieben.

OFFENBURG. Die Lust auf Süden hat durch den Klimawandel gelitten. Als in diesem Juli 45 Grad in Südfrankreich erreicht wurden und sogar hitzegestählte Trauben am Weinstock verdorrten, hat die Sehnsucht nach dem Midi, dem Süden Frankreichs, nach seiner unvergleichlichen Lebensart und Kultur, selbst bei seinen glühendsten Verehrern eine Delle bekommen.

Es lässt sich daher spekulieren, wie Manfred Hammes, dem wir ein langes Leben in Gesundheit und Genuss wünschen, in 50 Jahren dieses Buch schreiben würde. Möglicherweise steht der Süden vor einem tiefgreifenden Wandel. Aber gerade auch deshalb ist "Durch den Süden Frankreichs – Literatur, Kunst, Kulinarik" so wichtig, weil es die 2500-jährige Faszination für diesen Landstrich in einer großartigen Summe zusammenfasst. Manfred Hammes, ehemaliger Geschäftsführer eines mittelbadischen Tageszeitungsverlags, wie es in seinem Wikipedia-Eintrag heißt, und von 2005 bis 2016 Geschäftsführer der Wirtschaftsregion Ortenau (WRO) und damit gelernter Ortenauer, fasst darin auf mehr als 700 Seiten und mit fast 300 Fotos in verschwenderischer Fülle noch einmal zusammen, was seit der Zeit der Griechen und Römer die Faszination dieses gesegneten und zugleich von der Geschichte und dem Mistral gebeutelten Landstrichs ausmacht. Wie Hammes selbst in seinem Vorwort zutreffend schreibt, ist ihm kein gewöhnlicher Reiseführer, sondern ein Reiseverführer gelungen, ein Buch zum Schmökern, nicht zum linearen Durchlesen. Mit dem Zürcher Nimbus-Verlag und seinem Verleger Bernhard Echte hat Hammes Komplizen gefunden, die ein solch ambitioniertes Buchprojekt mit Leidenschaft und Idealismus unterstützten, wenngleich durch etwas mehr Sorgfalt beim Lektorat die wenigen Orthografiepatzer hätten vermieden werden können.

Aber was soll man sagen? Das Buch ist ein Füllhorn der Belesenheit und der aktiv erfahrenen Landeskunde. Gegen Ende der 700 Seiten findet sich ein respektgebietendes Literaturverzeichnis. Man hat den Eindruck, dass Manfred Hammes jeden mehr oder weniger bedeutenden Autor, der nur irgendetwas Bemerkenswertes über den Midi zu Papier gebracht hat, vor uns ausbreitet. Ein umfangreiches Register erleichtert das Wiederfinden bestimmter Stellen. Ein Bedürfnis, das einem zuweilen beschleicht, denn dem Lesevergnügen folgt zuweilen das unbestimmte Gefühl, dass der Autor uns einen Bären aufgebunden haben könnte. Etwa wenn er von jenem Jean Nicot erzählt, der um 1560 die Tabakpflanze aus Portugal in Frankreich eingeführt haben soll und dem das Rauchergift Nicotin seinen Namen verdanke. Aber die stichprobenartige Gegenrecherche zeigt: Hammes ist ein zuverlässiger Cicerone.

Der gebürtige Trierer und gelernte Ortenauer vergisst auch nicht die Lokalpatrioten in seiner neuen Heimat zu kitzeln. So hat er sogar den Landsitz von Frédéric-Jacques Temple in Aujarges ausfindig gemacht. Temple war 1945 Presseoffizier in Baden-Baden und seitens der französischen Besatzungsmacht unter anderem für die Papierzuteilung zuständig. Kaum ein Zufall dürfte es da sein, dass Temples erster Gedichtband 1945 bei Verleger Franz Burda in Offenburg erschien.

18 Jahre der Recherche stecken laut Selbstauskunft des Autors in diesem Buch, 60 000 Autokilometer und 6000 Kilometer zu Fuß. Das führt zu einer Autopsie und einem authentisch vermittelten nahsichtigen Erleben, wie man sie nur selten findet. Ganz zu schweigen von den laufenden Regalmetern Literatur, die Hammes offenbar mit Genuss durchgeackert hat. Die Liebe zu Land, Leuten sowie zur Sprache im Allgemeinen und zum (süd-)französischen Esprit im Besondern springt einem aus jeder Zeile dieses Buchs entgegen. Wie der breite Strom der Rhone ergießt der Autor sein stupendes Wissen, wird dabei nie dozierend, sondern erzählt mit leichter Hand in kurzen Kapiteln oder in Kasteneinschüben, springt dabei vom Leichten der beträchtlichen kulinarischen Genüsse des Südens zum Bitterernsten von rassistischer Verfolgung, Exil und Tod deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller, über deren Schicksale und Werke er wie kaum ein Zweiter Bescheid weiß.

Ein intimer Kenner von Land, Leuten und Kultur

Hammes ist nicht voraussetzungslos in diese Projekt gestartet. "Im Tal der Loire: Ein literarischer Reisebegleiter" war 2007 bei Suhrkamp/Insel erschienen und "Erzähl mir vom Süden, eine literarische Reise durch die Provence, das Languedoc und entlang der Côte d’Azur" 2008 beim Wunderhorn Verlag. Beide Bücher erwiesen Hammes bereits als intimen Kenner von Land, Leuten und Kultur. Sie bilden die Blaupausen für das Konzept des aktuellen Buchs, das gleichwohl die Summe der Hammes’schen Reise- und Leselust darstellt. Wem es derzeit zu heiß im Midi ist oder wem das nötige Kleingeld gerade fehlt, kann es fast sogar eine Reise dorthin ersetzen.

Manfred Hammes, "Durch den Süden Frankreichs – Literatur, Kunst, Kulinarik", Nimbus-Verlag, 2019, 701 Seiten, 32 Euro.