Deutschlandlauf

Ettenheimer Ultraläufer läuft in 21 Tagen von Flensburg nach Lörrach

Benedikt Hecht

Von Benedikt Hecht

Mi, 22. September 2021 um 19:32 Uhr

Leichtathletik

Es ist eine Herausforderung, die nur wenige Läufer auf sich nehmen: der Deutschlandlauf. Der Ettenheimer Andreas Amann nahm die Tortur trotz Verletzungsproblemen auf sich – nicht zum ersten Mal.

Es ist ein Schreckmoment. 15 Etappen und knapp 1000 Kilometer hat der Ettenheimer Andreas Amann bereits absolviert. Alles im grünen Bereich, denkt er an diesem Sonntagmorgen, als er zur 16. Etappe an den Start geht. Nach drei Kilometern dann der Schock: Der linke Fuß macht nicht mehr mit. "Das dürfte so auf der Höhe von Heilbronn gewesen sein", sagt der 55-Jährige. Das Ziel, erneut den Deutschlandlauf erfolgreich zu absolvieren, rückt in weite Ferne. Den Anstieg kommt er kaum noch hoch, Tränen steigen ihm in die Augen. Dazu läuten zeitgleich noch die Kirchturmglocken. "Ein furchtbares Gefühl", sagt Amann, wenn er zurückblickt.

Nach der Verletzung startet das Kopfkino

Bis zur nächsten Verpflegungsstelle schleppt er sich, "das hat ewig gedauert, denn ich konnte nur noch humpelnd vorwärtskommen". Er lässt sich dort von den Betreuern aufsammeln und bis zum Ziel mitnehmen. Das Kopfkino startet, Erinnerungen an 2017 werden wach. Damals riss seine Achillessehne beim Deutschlandlauf. Er musste aufgeben. Gut ein halbes Jahr war er außer Gefecht gesetzt. Und dieses Jahr? Soll er aufgeben? "Normalerweise packt man abends dann seine Sachen und tritt die Heimfahrt an", sagt Amann.

Er entscheidet sich anders, möchte eine Nacht darüber schlafen. Am nächsten Morgen macht der Fuß weiter Probleme, Amann entscheidet sich dafür, im Betreuerteam mitzufahren. "Die Hoffnung hatte ich noch nicht aufgegeben, vielleicht bei einer späteren Etappe wieder einzusteigen", sagt Amann im Gespräch mit der BZ. Drei Tage lässt sich der Ettenheimer so chauffieren, begleitet und motiviert die Konkurrenten, ehe er bei Freudenstadt wieder auf die Laufstrecke geht. "Das war am Ende die richtige Entscheidung", sagt Amann, der als Verwaltungsbeamter an der Hochschule der Polizei in Lahr arbeitet.

"Für viele Unbeteiligte ist das unvorstellbar"

16 Jahre ist der erste Deutschlandlauf von Amann her, damals ging es von Kap Arkona auf Rügen nach Lörrach. Auch 2007, 2010, 2017 und 2019 nahm er die Tortur auf sich. Die Strecke änderte sich immer wieder. Mal ging es von Sylt bis zur Zugspitze, in diesem Jahr lag der Startpunkt in Flensburg und das Ziel erneut in Lörrach. Das Teilnehmerfeld war mit 21 Läufern coronabedingt zwar deutlich kleiner als bei vorherigen Auflagen, "das stört mich aber nicht", sagt Amann. In Ettenheim kennt man sein Hobby, an der Strecke indes erlebt Amann immer wieder verwunderte Passanten. "Wenn ich erzähle, dass ich von Flensburg nach Lörrach laufe, das ist für viele Unbeteiligte einfach unvorstellbar." 60 Kilometer beträgt die kürzeste Etappe, oft ist sie um einiges länger, umfasst schnell mal 70 bis 80 Kilometer. "Eine kurze Etappe bekomme ich je nach Streckenprofil schon in fünfeinhalb bis sechs Stunden hin", für die schwierigste benötigte Amann 11:45 Stunden. Alle zehn bis zwölf Kilometer gibt es einen Verpflegungspunkt.

Schwierig war die Vorbereitung für Amann, denn normalerweise versucht er, immer wieder Marathons oder Ultraläufe zu absolvieren, "von denen gab es dieses Jahr aber kaum welche". Entscheidend sei, sich auf die Umstände einzustellen. Übernachtet wird in Turnhallen, dieses Jahr musste auch auf das Clubheim eines Fußballvereins ausgewichen werden. "Da übernachteten wir dann zwischen den Tischen und Stühlen." Auch müsse man im Kopf haben, dass die Etappen sich aneinanderreihen. "Das sieht man immer wieder an Profisportlern, die scheiden oft nach drei, vier Tagen aus, weil sie das so nicht gewohnt sind."

Zwei Kilo verliert Amann in der Zeit an Gewicht

Im Gegensatz zu vielen anderen Läufern verzichtet Amann auf Hörspiele oder Musik während der Etappe, "damit komme ich nicht klar". Bei ihm sei es eher meditatives Laufen, es gelte auch mal, den Blick in die Landschaft zu genießen. Wobei das auf der ersten Hälfte nicht so einfach gewesen sei, "da ist alles flach".

Eine besondere Motivation stellt für ihn der sogenannte Aldi-Äquator dar, wenn "das Schild von Aldi-Nord zu Aldi-Süd wechselt, dann weiß ich, jetzt habe ich es fast geschafft". Dass das Rennen immer volle Konzentration erfordert, wurde auch in diesem Jahr sichtbar. Auf manchen Strecken seien die Lastwagen an ihnen nur so vorbeigedonnert. "Mancher Teilnehmer konnte sich nur mit einem beherzten Sprung in den Graben retten."

21 Tage dauerte dieses Jahr der Deutschlandlauf, 1038 Kilometer lief Amann und nahm währenddessen zwei Kilogramm ab. Bei seiner Premiere verlor er sieben Kilo. "Da hatte ich die Ernährung noch nicht so auf dem Schirm." Die Strapazen sind es wert, lautet sein Fazit.