Essay

In der Pandemie können Fake News tödlich sein

Bernhard Pörksen

Von Bernhard Pörksen

Do, 17. September 2020 um 13:57 Uhr

Kultur

In Zeiten der Pandemie geraten Lügner in Bedrängnis. "Die schlichte Negation der Realität ist keine gute Strategie", analysiert Bernhard Pörksen in seinem Essay über Trump, Fake News und das Virus.

Anything goes, alles geht. Das war und ist bis zum heutigen Tag die Kommunikationsmaxime eines Donald Trump, der in seiner Amtszeit bis zum Juni diesen Jahres mehr als 20.000 Mal die Unwahrheit gesagt hat, wie die Washington Post in mühevoller Kleinarbeit dokumentierte. Das Grundprinzip seiner auf allen Kanälen verbreiteten Meinungs- und Propagandashow lautet: Realitätszensur durch Rauschen, Ermüdung durch Verwirrung, Zerstörung der Maßstäbe durch die Produktion von Chaos und den Ausstoß von Nonsens-Meldungen. Bis niemand mehr so genau sagen kann, was eigentlich stimmt. Bis Faktum und Meinung ununterscheidbar geworden sind. Bis Menschen im Gestöber der Halbwahrheiten und im frei umher wirbelnden Informationskonfetti auf das zurück greifen, was sie ohnehin glauben oder doch glauben wollen.

Aber funktioniert diese Methode permanenter Bullshit-Produktion noch in Zeiten einer Pandemie? Ist das enthemmte Meinen und das öffentlich zelebrierte Delirium der frei drehenden Mutmaßungen noch überzeugend, wenn Menschen sterben? Donald Trump verkündete am 26. Februar, die Fallzahlen würden beständig sinken und seien alsbald bei Null. Innerhalb der nächsten beiden Monate infizierten sich mindestens eine Million Amerikaner mit dem Virus. Heute gibt es mehr als 195 000 Tote und über 6,6 Millionen Corona-Infizierte in den USA. Donald Trump hat auf dem Weg zu diesem Desaster das Tragen von Schutzmasken lächerlich gemacht. Er hat Malariamedikamente als Wundermittel empfohlen und öffentlich darüber räsoniert, ob es sinnvoll sein könnte, sich Desinfektionsmittel zu spritzen.

In diesen Tagen wurde nun bekannt, dass der Präsident spätestens seit Anfang Februar die Gefahren wissentlich herunter spielte, wie er dem Enthüllungsjournalisten Bob Woodward auf Band diktierte. Schon am 7. Februar ließ der amerikanische Präsident den Journalisten wissen: "This is deadly stuff." Jetzt ist die Empörung groß, zu Recht. Und man sieht: Die gesamte Propagandashow des Donald Trump im Umgang mit der Corona-Gefahr lässt sich als ein ziemlich furchtbares Experiment interpretieren.

Es handelt von der Frage, wie weit man gehen kann im Prozess des endlosen Behauptens und in der Verachtung der Tatsachenwelt. Denn deutlich wird eben auch: Es gibt ihn noch, den dritten Punkt, der Meinung und Wissen voneinander unterscheidbar macht. Und diesen dritten Punkt nennt man für gewöhnlich die Realität. Menschen infizieren sich wirklich. Sie leiden wirklich. Sie sterben wirklich. Und man erkennt jetzt eben auch: Man kann in der Bekämpfung einer Pandemie durchaus auch furchtbare Fehler machen.

Was hat dieses krisentypische Zeit- und Welterleben für Folgen für die Rezeption von Desinformation? Zum einen wird die Gefährlichkeit von Falschnachrichten zur allgemeinen Erfahrung. Denn wenn man aus den Einfällen der Abwiegler, der Bullshitter und der Corona-Leugner eine persönliche Handlungsstrategie formt, wenn man meint, alles sei nur Hype und Hysterie und sich und andere nicht schützt, dann kann dies im Extremfall tödlich sein. Zum anderen lassen sich Regierungseffizienz und Regierungsversagen in der gegenwärtigen Situation ganz unmittelbar vergleichen – und zwar auf der Weltbühne der Zivilisation und in globalem Maßstab.

Und das bedeutet eben auch: Das Meinen und Behaupten findet unter neuartigen Überprüfungsbedingungen statt, die gleichzeitig subjektiv-persönlicher und objektiv-wissenschaftlicher Natur sind. Ja, man kann jede Menge Quatsch über Covid-19 in die Welt pusten und die Pandemie zur Erfindung umdeuten. Aber man tut dies vor dem Hintergrund von Erfahrungen, die Millionen von Menschen aktuell mit dem Virus machen. Und man tut dies vor dem Horizont gigantischer Forschungsanstrengungen und direkt er-lebbarer Erfolge und Misserfolge bei der Pandemiebekämpfung. Und man sieht: Die schlichte Negation der Realität ist keine gute Strategie.

Ob der amerikanische Präsident, der sich trotz allem weiter für sein Krisenmanagement selbst lobt, deshalb die Wahl verliert? Das ist offen, zumal viele seiner Anhänger unverbrüchlich zu ihm halten. Aber Faktum und Meinung, Information und Ideologie werden in Zeiten der Pandemie wieder deutlicher unterscheidbar, denn es steht für alle einfach zu viel auf dem Spiel. Das ist das Gute im Schlechten.
Bernhard Pörksen (51) ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Kürzlich veröffentlichte er gemeinsam mit Friedemann Schulz von Thun das Buch "Die Kunst des Miteinander-Redens" im Hanser Verlag.