Vogelsterben

Forscher fordern Hausarrest für Katzen

Michael Saurer und dpa

Von Michael Saurer & dpa

Mi, 04. Dezember 2019 um 20:30 Uhr

Panorama

Hauskatzen sollten künftig nach Ansicht niederländischer Juristen nicht mehr umherstreunen dürfen. Die Tiere gefährdeten die Artenvielfalt insbesondere von Vögeln, so Forscher.

Arie Trouwborst und Han Somsen von der Universität Tilburg machen den radikalen Vorstoß. Rechtliche Handhabe für ein solches Verbot bieten demnach Richtlinien der Europäischen Union. Auch Naturwissenschaftler unterstützen die Forderung. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) bewertet sie aber skeptisch.

"Das Katzenproblem muss man ernst nehmen", sagt Nabu-Vogelexperte Lars Lachmann. Ein Ausgehverbot könne bei der Gefährdung lokaler Populationen mancherorts durchaus sinnvoll sein. Flächendeckend sei eine solche Maßnahme rechtlich aber nicht begründbar.

Trouwborst und Somsen argumentieren in einem kürzlich im Journal of Environmental Law veröffentlichten Beitrag, Katzen seien eine invasive Art, die vor Jahrtausenden von Vorderasien nach Europa gebracht wurde. Inzwischen zählten sie global zu den am weitesten verbreiteten Räubern und richteten riesige Schäden an. Dies liege auch daran, dass die Tiere sehr zahlreich seien und eine wesentlich höhere Populationsdichte aufwiesen als Fleischfresser ähnlicher Größe. In Deutschland schätzt der Nabu ihre Zahl auf etwa 15 Millionen – davon seien 1 bis 2 Millionen verwildert.

"Weltweit waren Hauskatzen an der Ausrottung von mindestens 2 Reptilienarten, 21 Säugetierarten und 40 Vogelarten beteiligt – das heißt an 26 Prozent aller bekannten derzeitigen Ausrottungen in diesen Tiergruppen", schreiben Trouwborst und Somsen. "Derzeit stellen Hauskatzen eine Gefahr für mindestens 367 bedrohte Arten dar."

Mit Zahlen aus den USA unterstreicht das Duo die Größenordnung. Dort töten Katzen demnach jährlich geschätzt knapp 100 bis 300 Millionen Amphibien, rund 260 bis 820 Millionen Reptilien, 1,3 bis 4 Milliarden Vögel und 6,3 bis 22,3 Milliarden Säugetiere. Nabu-Experte Lachmann schätzt, dass Katzen in Deutschland pro Jahr 25 bis 100 Millionen Vögel – bei einem Gesamtbestand von 500 Millionen – erlegen. "Das ist schon eine große Zahl."

Auch der Freiburger Ornithologe Gernot Segelbacher, Professor an der Uni Freiburg, hält die Hauskatze für einen signifikanten Faktor beim Thema Vogelsterben. "Das haben mehrere Studien gezeigt", so Segelbacher. Eine Studie von 2014 spricht von 2,4 Milliarden Vögeln, die in den USA jährlich Katzen zum Opfer fallen – der mit Abstand größte Risikofaktor. Die Fenster an Gebäuden – als Risikofaktor an Nummer zwei – fällt mit knapp 600 Millionen toten Vögeln weit ab.

Natürlich spielen menschliche Faktoren – Landwirtschaft, mangelnde Nistmöglichkeiten und die Versiegelung der Landschaft eine Rolle – dennoch sei der Einfluss der Katze enorm. Der Ornithologe hält das Problem eher für unter- als überschätzt.

Die Juristen Trouwborst und Somsen stellen daher radikale Forderungen: Streunende und verwilderte Katzen sollten aus der Landschaft nach Möglichkeit entfernt werden, Besitzer sollten ihre Tiere nicht mehr nach draußen lassen – es sei denn angeleint oder in Gehegen. Die juristische Grundlage dafür liefern die Forscher mit – etwa die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie, Artikel 6 sowie 22b, dem zufolge eingeführte Arten die heimische Fauna nicht gefährden dürfen. Zusätzlich biete die Vogelschutz-Richtlinie, Artikel 2 und 5, eine Handhabe: Insbesondere Artikel 5 fordert ein Verbot des absichtlichen Störens, Tötens oder Fangens von Vögeln.

"Die Richtlinien decken eine große Bandbreite ab", sagt Jan-Henrik Meyer vom Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt. "Die Forscher liefern das argumentative juristische Rüstzeug für ihre Durchsetzung." Ob das aber im Einzelfall juristisch standhalte, sei offen.

Warum kein Staat gegen Katzen vorgehe? "Wir spekulieren, dass die Zurückhaltung der EU-Mitgliedsstaaten, das Hauskatzenproblem effektiv anzugehen, zumindest teilweise von der vermutlichen Unpopularität solcher Handlungen in manchen Teilen der Gesellschaft herrührt", schreiben Trouwborst und Somsen. Dies erkläre zwar die Untätigkeit, rechtfertige sie aber keineswegs.

Auch Forscher Segelbacher sieht die gesellschaftliche Brisanz derartiger Forderungen. "Es ist politisch nicht opportun, dazu sind Katzen einfach zu beliebt." Und dennoch ist er sich sicher: "Sämtliche Ornithologen würden solche Forderungen sofort unterstützen."