Fratzen, Lächeln, Schmerzensschrei

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Mo, 06. September 2021

Klassik

Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko in Luzern.

Konzertreisen sind für die Berliner Philharmoniker unerlässlich. Hier entwickeln sich Interpretationen von Konzert zu Konzert weiter, hier sorgt man für die notwendige internationale Ausstrahlung. Auf Tournee tauscht man sich intensiver aus als im Normalbetrieb und wächst auch menschlich zusammen. 2021 mussten bisher alle geplanten Konzertreisen der Berliner Philharmoniker wegen der Pandemie abgesagt werden. Nun ist das Spitzenorchester, das im November und zu den Osterfestspielen 2022 ins Festspielhaus Baden-Baden kommt, erstmals wieder auf Reisen: Salzburg, Luzern und Paris. "Ein voll besetzter Saal wie in Salzburg oder auch bei unserer Eröffnungswoche motiviert das Orchester nochmals besonders. Das ist wirklich eine Erlösung für uns", sagt Cellist und Orchestervorstand Knut Weber im Gespräch.

Im Kultur-und Kongresszentrum Luzern (KKL) ist der Saal jedoch nur halb gefüllt, was am Hygienekonzept des Lucerne Festivals liegt. Es werden keine Impfnachweise oder negative Coronatests verlangt, aber insgesamt dürfen für die maximal 80-minütigen Konzerte inklusive Ausführende nur 1000 Menschen in den Saal – mit Maskenpflicht im Publikum und ohne Pause gespielten Konzerten. Aber wie klingt das Orchester nach eineinhalb Jahren Pandemie unter seinem seit September 2019 amtierenden Chefdirigenten Kirill Petrenko? Carl Maria von Webers "Oberon"-Ouvertüre beginnt Solohornist Stefan Dohr in einem zarten Piano, das wie von Ferne tönt. Auch der schwebende, gedämpfte Streicherklang ist kaum zu orten. Petrenko steht lächelnd am Pult. Mit dem ganzen Körper dreht er sich zur Gruppe der ersten Violinen und später zu den Celli, ehe mit dem schnell genommen Allegro con fuoco die Energie im Orchester kulminiert. Bei aller Virtuosität bleiben delikate Klanglichkeit und Transparenz erhalten.

"Wir konnten im Gegensatz zu anderen Orchestern die letzte Spielzeit voll durcharbeiten und haben während des Lockdowns unsere Konzerte online in der Digital Concert Hall übertragen. Das Orchester hat sich also künstlerisch fit gehalten. Kirill Petrenko arbeitet sehr am Klang und an der Dynamik. Er schult das Orchester gerade in der Kunst, leise zu spielen. Er ist wirklich detailbesessen – das tut den Berliner Philharmonikern gut. Jedes Orchestermitglied wird extrem gefordert", erklärt Intendantin Andrea Zietzschmann. "Durch die Pandemie haben wir mit unserem neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko noch mehr Programme einstudiert als ursprünglich geplant. Künstlerisch und menschlich hat uns das gutgetan", sagt Knut Weber. Auch der Cellist ist fasziniert von der akribischen Probenarbeit. "Obwohl Petrenko sehr an Details arbeitet, schafft er es, große Spannungsbögen zu entwickeln. Er verliert nie den Gesamtüberblick über die Architektur eines Werkes. Als einzelner muss man sich manchmal zurücknehmen, damit der von ihm gesteuerte Gesamtprozess so ablaufen kann, wie er das möchte."

In Franz Schuberts großer C-Dur-Symphonie ist davon schon viel zu hören. Die "himmlische Länge", die Robert Schumann der Symphonie attestierte, nimmt Petrenko ernst und verschießt das Pulver nicht zu früh. Vor allem im Pianobereich sorgt er für dynamische und klangfarbliche Abstufungen und baut Steigerungen behutsam auf. Den Spannungshöhepunkt im Andante con moto meißelt er mit den groß aufspielenden Berliner Philharmonikern heraus, wenn er den Orchesterklang im dreifachen Forte zu einem Schmerzensschrei bündelt, ehe nach einer langen Generalpause die exquisite Cellogruppe, die tags zuvor im KKL bereits einen gefeierten Auftritt als 12-Cellisten-Formation hinlegte, die Scherben mit einer zarten Kantilene zusammenkehrt und ein Quantum Trost spendet. Und wie die Streicher die Triolen im schnell genommenen Finale an der Bogenspitze zaubern und dabei in den endlosen Wiederholungen nicht an Energie verlieren, ist atemberaubend.

Petrenko macht bei aller Präsenz kein Gewese um sich. Seine Gesten sind weder elegant noch extravagant, sondern vor allem musikdienlich. Nach dem Schlussakkord hält er nicht künstlich die Spannung hoch, sondern lässt seine Arme wenige Augenblicke nach dem Verklingen sacken und bedankt sich mit einem freundlichen Nicken beim Orchester. Stehende Ovationen im KKL!

Das zweite Konzert beim Lucerne Festival hinterlässt einen gemischteren Eindruck. Sergej Prokofiews erstes Klavierkonzert, in die Tasten gehämmert, aber auch mit lyrischer Wärme ausgestattet von Anna Vinnitskaya, hält zwar die Balance zwischen kühler Virtuosität und entrückter Klanglichkeit wie im verträumten Mittelteil, aber das Zusammenspiel zwischen Solistin und Tutti klappert hin und wieder. Gerade, wenn die Russin das Tempo anzieht, ist das Orchester meist eine Spur hintendran. Der tschechische Komponist Josef Suk ist ein Liebling von Kirill Petrenko – und man weiß nicht genau warum. Natürlich entwirft der Dvorák-Schüler in seiner symphonischen Dichtung "Pohádka léta" (Ein Sommermärchen) eine spätromantische, mit impressionistischen und expressionistischen Anteilen angereicherte Farbpalette, die die Berliner Philharmoniker eindrucksvoll nachzeichnen. Da werden Flöte und Bassklarinette oder Trompete und Tuba von den Solobläsern so deckungsgleich parallel geführt, dass eine ganz neue Orchesterfarbe entsteht. Die Fratzen des vierten Satzes haben Schärfe, die vielen Soli Wärme und Raffinesse. Aber selbst Petrenko schafft es nicht, diesem rhapsodischen, die Kitschgrenze streifenden Werk aus den Jahren 1907-09 eine schlüssige Dramaturgie zu verleihen. Und das will etwas heißen.

Lucerne Festival bis 12.9. http://www.lucernefestival.ch