Fürchte am meisten dich selbst!

Martin Schwickert

Von Martin Schwickert

Do, 21. März 2019

Kino

HORROR: "Wir" von Jordan Peele ist ein brillanter Mix aus Psychodrama und nationalen Traumata.

Mit dem Horrorfilm "Get Out" legte Jordan Peele vor zwei Jahren ein fulminantes Regiedebüt vor. Innerhalb der Grenzanlagen des Genres inszenierte er eine beißende Gesellschaftssatire, die weltweit 255 Millionen Dollar einspielte und dem Oscar für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde. In seinem neuen Werk "Wir" beweist sich Peele erneut als hochtalentierter Filmemacher mit einem großen Herzen fürs Genrekino, das er auch hier wieder mit Effizienz und Intelligenz für sich in Gebrauch nimmt.

Der Film beginnt 1986 auf einem Jahrmarkt am Meer. "Finde Dich selbst" steht in flackernder Neonschrift auf dem Spiegelkabinett, in das es die zehnjährige Adelaide (Madison Curry) hineinzieht. Drin in den dunklen Gängen trifft sie auf ein Mädchen aus Fleisch und Blut, das genauso aussieht wie sie selbst. Nach dieser klassischen Anfangsschock-Sequenz spult der Film vor in die heutige Zeit.

Adelaide Wilson (Lupita Nyong’o) ist inzwischen selbst Mutter zweier Kinder und mit ihrem Mann Gabe (Winston Duke) unterwegs in den Urlaub. Im Ferienhaus ihrer verstorbenen Mutter und bei einem Ausflug an den Strand von Santa Cruz werden die verdrängten Erinnerungen wieder wach. "Da steht eine Familie in der Auffahrt" sagt eines Abends ihr zehnjähriger Sohn Jason (Evan Alex). Bewegungslos verharren vier Gestalten in roten Overalls vor dem Haus, die sich bei genauerem Hinsehen als leicht heruntergekommenes Ebenbild der Wilsons erweisen. Schon bald wird klar, dass die Nachbildungen ihren Vorbildern nach dem Leben trachten.

In "Wir" geht Peele von der einfachen Prämisse aus, dass der Mensch am meisten Angst vor sich selbst hat. Tief unter der Erde lebt eine düstere, animalischere Version des eigenen Ichs, die nun mit aller Gewalt die Herrschaft übernehmen will. Eine wahrhaft gruselige Vorstellung, mit der Peele hier unterbewusste Ängste vor dem eigenen, abgespaltenen Bösen auf äußerst plastische Weise ins Bild setzt. Diese Wiedergänger sind keine bloßen Monster, sondern Geschöpfe mit einer eigenen Seele, die durch lebenslange Unterdrückung geprägt und gleichzeitig eng mit dem überirdischen Dasein der privilegierten Ebenbilder verknüpft ist.

Wir sind Amerikaner, sagen die Monster

Aber natürlich greift Peeles Metaphorik auch weit über das individuell Psychologische hinaus. Auf nationale Traumata verweist nicht nur das Bekenntnis der Monster "Wir sind Amerikaner", sondern auch der Original-Filmtitel "Us", der ebenfalls als Kürzel für "United States" gelesen werden kann. Anders als im Vorgängerfilm "Get Out" spielt Peele hier die gesellschaftspolitischen Verweise nicht direkt an, sondern schafft Assoziationsräume, die Fragen und Deutungsmuster in verschiedene Richtungen eröffnen.

So lässt sich der Film auch als düsterer Kommentar auf die Diskrepanz zwischen digitaler Selbstdarstellung und eigenem physischen Sein, die Ängste vor Identitätsverlust oder das Lebensgefühl einer fremdgesteuerten Existenz interpretieren. All das erzählt Peele im Gewand eines äußerst funktionalen Genrefilms, in dem die Einflüsse von Klassikern wie Don Siegels "Invasion der Körperfresser" genauso zu finden sind wie von Michael Haneckes "Funny Games".

Vor allem jedoch ist "Wir" ein verdammt gut gemachter Film, der durch Originalität, Klarheit, präzises Handwerk und eine gelungene Mischung von Schrecken und Humor überzeugt. Die Kamera von Mike Gioulakis ("Glass") entwickelt mit einer ausgeklügelten Licht- und Schatten-Dramaturgie und ausgefallenen Perspektiven eine enorme Sogwirkung.

Alles richtig gemacht hat Peele auch bei der Besetzung. Der Plot bringt es mit sich, dass alle Hauptakteure Doppelrollen spielen müssen, und alle bauen diese Zweigesichtigkeit zu einer faszinierenden Seherfahrung aus. Lupita Nyong’o ("12 Years a Slave") erweist sich als Naturgewalt, die den Film mit enormer Präsenz zusammenhält, aber auch die Kinderdarsteller Shahadi Wright Joseph und Evan Alex zeigen beträchtliches Leinwandcharisma. Nach George Tillmans "The Hate U Give", Barry Jenkins’ "Beale Street" beweist nun auch "Us" , dass die interessantesten Impulse in Hollywood derzeit von afroamerikanischen Filmemachern ausgehen.

"Wir" (Regie: Jordan Peele) läuft flächendeckend. Ab 16.