Schweiz

Gletschergrotte von Zinal ist das Tor zu einer türkisfarbenen Unterwelt

Deike Uhtenwoldt

Von Deike Uhtenwoldt (dpa)

Fr, 18. Dezember 2020 um 22:07 Uhr

Reise

Der Schweizer Zinalgletscher ist ständig in Bewegung. Nur im Winter kommt er zur Ruhe und gewährt Einblicke in sein Innerstes. Doch die Grotte könnte in ein paar Jahren nicht mehr begehbar sein.

N
ein, es ist im Moment nicht der richtige Zeitpunkt, um auf Reisen zu gehen. Doch irgendwann wird er wieder kommen. Und bis dahin überbrücken wir die Zeit mit Reisegeschichten aus nah und fern, um Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, eine kleine Auszeit von den Sorgen rund um Corona & Co. zu ermöglichen.

Der Gletscher hat dicke Steine zu Kiesel und Staub zerrieben, Hänge geschliffen und Tonnen von Geröll hinterlassen. Wenn da nicht der Schnee wäre, müsste die Gruppe um Bergführer Daniel Ruppen über instabilen Schutt, Staub und Reste von Toteis wandern. Aber zum Glück ist Winter in den Walliser Alpen – wenn auch keiner, wie ihn sich Touristiker und Liftbetreiber wünschen. Das waren noch die Probleme eines Winters vor Corona, in dem diese Geschichte spielt.

"Es könnte mal wieder schneien", sagt Ruppen, der sich nicht einmal Schneeschuhe untergeschnallt hat. Die Tour des heutigen Tages führt von Zinal, letzter Ort im französischsprachigen Val d’Anniviers, bis zum Zinalgletscher am Gebirgsbach Navisence entlang.

Fünf Kilometer sind es. Das ist auch der Grund, warum sich der Anstieg in Grenzen hält und Ruppen forsch voranschreitet. "Für mich ist heute ein Ruhetag", sagt er fröhlich.

Hinauf zum "Ewigen Eis"
Der 69-Jährige wird sonst für Gipfelbesteigungen, Klettertouren und Gleitschirmbegleitungen gebucht. An diesem sonnigen Vormittag geht es um den Besuch einer Eisgrotte und ein wenig Lokalkolorit.

Ruppen zeigt den Gästen die Viertausender Dent Blanche, Bishorn und Weisshorn. "Da war ich im letzten Jahr dreimal oben." Auch mit den Eiskletterern auf der schattigen Talseite kann er mitfühlen: "Das Eis kann brechen, und in den meisten Fällen bekommt man nasse Hände."

Dann wird der Guide ernst und erzählt von einem Lawinenunglück, das hier vor 20 Jahren Eiskletterer und Rettungskräfte begraben habe. "Es kann immer etwas passieren, es können auch Eisblöcke von der Decke der Grotte fallen", mahnt Ruppen. Irgendwie nicht gerade beruhigend, wenn man selbst dort steht. "Aber immerhin ist das im Winter nicht sehr wahrscheinlich." Gut zu wissen.

Wie aus einem Eisloch eine Sehenswürdigkeit wurde
Dort, wo sich das Schmelzwasser des Gletschers sammelt und als Navicence zum Vorschein kommt, hat sich eine begehbare Grotte gebildet. Vor fast 25 Jahren hat sie Ruppens Kollege Stéphane Albasini das erste Mal betreten.

Seither wird dieser als Entdecker gehandelt, gibt sich aber bescheiden: "Dass da ein Loch im Gletscher ist, das wussten viele. Aber niemand hat deswegen angehalten. Ein Tourenskigeher will so schnell wie möglich ans Ziel", sagt er.

Einmal hat Albasini dann doch angehalten, als er eine Gruppe Alpinisten im Teenageralter aus Sierre im Schlepptau hatte. Um für etwas Abwechslung zu sorgen, schlug er den Besuch der Grotte vor und war dann selbst überwältigt von der Vielfalt der Formen und Farben in ihrem Innersten. "Magnifique" sei das gewesen, wie sie in der französischsprachigen Schweiz sagen, großartig.

Magisch war auf jeden Fall die Wirkung, die Albasinis Schilderungen im Tourismusbüro hatten: Journalisten wurden eingeladen, großflächige Fotos einer türkisfarbenen Unterwelt machten die Runde, und das Telefon hörte nicht mehr auf, zu klingeln.

Viele Hundert Male ist Albasini inzwischen schon in der Höhle gewesen, langweilig sei es nie geworden: "Das ist jedes Jahr anders", sagt er. Gelegentlich mussten die Besucher in die Höhle kriechen, in schneearmen Zeiten gleicht der Eingang einem Tor. Dafür versperren schrankgroße Eisklötze den Weg, bauen eigenwillige Skulpturen auf und geben im Innersten stets neue Eiskammern frei. Kurzum, der Gletscher und damit seine Grotte tauen regelmäßig auf.

Ein Wunder, das langsam verschwindet
"Im Sommer bräuchte man in der Grotte mindestens einen Schirm", sagt Albasini. Und vermutlich noch einen Sturzhelm. "Der Gletscher fließt weiter abwärts und gleichzeitig schmilzt er, er verliert jedes Jahr rund 25 Meter." Folgt man einer Studie der ETH Zürich, könnte das Abschmelzen noch an Fahrt aufnehmen und der Zinalgletscher bis 2060 rund drei Kilometer verlieren. Das wäre fast die Hälfte seiner Länge.

Allerdings sind die Unsicherheiten groß, wie Matthias Huss, Leiter des Schweizer Gletschermessnetzes, zugibt. "Es ist schwierig abzuschätzen, wie sich der Schutt auf den Rückgang auswirkt." Auf jeden Fall dürfte es für die Grotte eng werden, wenn der Gletscher im steileren Gelände etwa ein Kilometer über der aktuellen Zunge zum Liegen kommt. "Gletschergrotten sind eine vergängliche Schönheit", betont Huss und rät allen, die sich daran erfreuen wollen, sich – wenn es Corona wieder zulässt – kurzfristig auf den Weg zu machen: "Carpe diem!"

Ein Rat, den Touristiker im Val d’Anniviers beherzigen: Sobald der Lawinenwarndienst grünes Licht gibt und das Wetter mitspielt, gibt es geführte Touren zur Grotte. "Das läuft wie verrückt", sagt Ruppen. Und wenn die Grotte in ein paar Jahren nicht mehr begehbar sein sollte, ist die Region auch gewappnet. "Wir setzen auf den Vierjahreszeitentourismus", sagt Marketingleiter Julien Petit.

Dazu gehören Schneekanonen auf fast 3000 Metern für die wärmeren Winter, offene Weinkeller im Frühjahr, Viertausender-Wettrennen im Sommer und Alpabtriebe im Herbst. Klettern, Radfahren und Wandern sind mit der entsprechenden Ausrüstung sowieso ganzjährig möglich. Besonders schön geht das rund um das sonnenverwöhnte Saint-Luc, weil man bis zum Matterhorn blicken kann oder in die Sterne – es gibt einen Lehrpfad, auf dem das Sonnensystem nachgebildet ist und mehr als 60 Kilometer Wanderwege.

Kathedrale aus Eis
Ohne Schneeschuhe, aber mit Stöcken in den Händen erreicht die Zinaler Wandergruppe schließlich die Grotte, balanciert auf wackeligen Steinen über das drei Meter breite Schmelzwasser und bleibt andächtig stehen. Das Licht ist diffus, das Eis leuchtet bläulich, es hat Millionen von Bläschen gespeichert und akkurat geschliffene Formen. "Das ist ,Wow!’ und vor allem ganz natürlich", sagt Daniel Ruppen über den Unterschied zu künstlichen Eispalästen.

Eben noch hat der Bauingenieur das galoppierende Abschmelzen des Gletschers mit einer Exponentialfunktion erklärt, jetzt schweigt er und reibt sich wärmend die Hände. Morgen wird er wieder rausgehen in die Mittagssonne, dann zum Klettern. Ohne Eis, Schnee und nasse Hände. Das wird ein schöner Walliser Wintertag.
Zinalgletscher / Schweiz

Anreise: Mit dem Zug sind es ab Freiburg rund 3,5 Stunden bis zum Bahnhof Sierre/Siders. Von dort geht es werktags im Stundentakt weiter per Postauto (Postbus) bis Zinal. Fahrtzeit von dort etwa 1,5 Stunden.
Grottentouren: Stéphane Albasini Tel. 0041/78/664 75 63,
www.montagne-evasion.ch
Pascale Haegler Tel. 0041/79/340 11 45, www.swissalpineemotion.com
Infos: www.valdanniviers.ch

Corona-Lage

Die Schweiz ist stark von der Pandemie getroffen und zählt als Corona-Risikogebiet. Die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes gilt für das gesamte Land. Deutsche Staatsbürger können aber ohne Einschränkungen einreisen. Bei der Rückkehr gilt die Quarantäneverordnung für Reiserückkehrer aus Risikogebieten; http://mehr.bz/wyz
Corona-Risikogebiete: Robert-Koch-Institut (RKI): http://mehr.bz/rkischwyz