HINTERGRUND

Stefan Scholl

Von Stefan Scholl

Do, 16. September 2021

Ausland

Putins Quarantäne löst Debatten aus

Russlands Präsident hat sich unmittelbar vor der Duma-Wahl in Selbstisolation begeben – nach offiziellen Angaben wegen mehrerer Covid-19-Fälle in seiner engsten Umgebung. Der Präsident fühle sich hervorragend, sei absolut gesund, sagte ein Kremlsprecher: "Sowohl Putin wie Sputnik V arbeiten im üblichen Rahmen. Die Wirksamkeit des Sputniks ist erwiesen hoch. Die Wirksamkeit Putins noch höher." Zuvor hatte Putin bekannt gegeben, dass er nicht wie geplant nach Tadschikistan reisen könne, sondern sich "auf unbestimmte Zeit" in Selbstisolation begeben müsse. Mehrere Leute aus seiner engsten Umgebung seien an Covid-19 erkrankt, auch ein unmittelbarer Mitarbeiter, obwohl der mehrfach geimpft worden sei.

 Putins Selbstisolation hat in Moskau zum Teil wilde Spekulationen ausgelöst. Manche Fragen: Warum geht Russlands wichtigster Politiker gesund in Quarantäne? Obwohl er, nach eigenen Worten, zweimal mit Sputnik V geimpft ist, dem, so Putin, besten Corona-Impfstoff der Welt. Und warum drei Tage vor dem Beginn der Wahl zur Staatsduma, unmittelbar vor den Gipfeln des postsowjetischen Militärbündnisses OVKS und der Shanghaier Organisation für Kooperation im tadschikischen Duschanbe? In jenem Nachbarstaat Afghanistans, an dessen Grenze es bei der Machtübernahme der Taliban heftige Gefechte gab? Und wo diverse zentralasiatische Amtskollegen sehr auf die Führungsqualitäten des Russen hoffen dürften.

 "Putin kann sich das erlauben", erklärt der Petersburger Politologe Dmitri Trawin. "Die Regeln der westlichen Politik gelten bei uns nicht, auf die Wahlergebnisse hat das keinerlei Einfluss." Sein Kollege Gleb Pawloski vermutet, Putin werde elektronisch wählen. Nach Duschanbe lässt er sich auch digital zuschalten. Die gewöhnlich gut informierte Zeitung Kommersant schreibt, dem Staatschef sei die Reise nach Tadschikistan, der geographisch hinterletzten GUS-Republik, vielleicht zu beschwerlich. Politologe Trawin glaubt dagegen, es könne wirklich medizinische Gründe für die Zurückhaltung des fast 69-Jährigen geben. Ist er vielleicht doch gar nicht geimpft, wie viele Russen angesichts fehlender Bilddokumente von dem Spritzakt mutmaßen? Andererseits: Wenn sich wirklich mehrere engste Mitarbeiter Putins angesteckt haben, spricht das nicht für die Qualität des im Kreml eingesetzten Vakzins. Laut Moskauer Medizinern soll die Wirksamkeit von Sputnik V schon nach wenigen Monaten deutlich nachlassen.