"Ich bin gefallen und aufgestanden"

dpa

Von dpa

Mo, 16. März 2020

Biathlon

Der französische Ausnahme-Biathlet Martin Fourcade beendet eine große Karriere und wechselt in die Sportpolitik.

KONTIOLAHTI (dpa). Das war es. Ausnahme-Biathlet Martin Fourcade stellt Skier und Gewehr in die Ecke. Damit geht eine beeindruckende Sportler-Karriere zu Ende. Den Franzosen zieht es nun in die Sportpolitik.

Nach dem Ende seiner Karriere musste Martin Fourcade noch einen kurzen Schreckmoment überstehen. Als ihn das gesamte französische Biathlon-Team aus Freude in die Luft warf, knallte Fourcade auf den Rücken, gab aber schnell mit einem strahlenden Lachen Entwarnung. "Besser hätte ich meine Karriere nicht beenden können", sagte der 31-Jährige nach seinem 79. Weltcupsieg am Samstag beim Saisonfinale in Kontiolahti.

Nach dem Sieg in der Verfolgung will sich der sogenannte Monsieur Nimmersatt nun neuen Zielen widmen. "Mein Wille, das Beste zu geben und Berge zu versetzen, ist immer noch vorhanden. Aber die Fortsetzung meines Wachsens als Mann, als Vater, muss jetzt auf anderen Wegen geschehen. Es ist Zeit, sich zu verabschieden", sagte Fourcade. An dem Ort, wo er vor genau zehn Jahren seinen ersten Weltcupsieg holte, ging einer der bekanntesten französischen Sportler etwas still und leise – weil das Rennen wegen der Coronavirus-Krise ohne Zuschauer stattfand. Er will nun in die Sportpolitik wechseln.

Martin Fourcade – der Name wird für immer mit sportlicher Besessenheit, großen Erfolgen, Provokationen und dem von ihm selbst erklärten Kampf gegen Doping verbunden sein. Aber auch mit gelernter Demut und dem Comeback eines unschlagbar erscheinenden Überfliegers. "Ich habe gekämpft und gewonnen. Ich habe auch gelitten. Ich bin gefallen und aufgestanden. Vor allem bin ich erwachsen geworden", schrieb der Sportler. Der "Meister aller Klassen", der über seinen älteren Bruder Simon zum Biathlon-Sport kam, dominierte im letzten Jahrzehnt seinen Sport wie zuvor nur der Norweger Ole Einar Björndalen. Ein Rekord wird wohl lange Bestand haben: Sieben Weltcupgesamtsiege und dann noch in Serie schaffte niemand. Seinen achten Triumph verpasste er am Samstag im Kampf gegen den Norweger Johannes Thingnes Bö knapp nur um magere zwei Punkte. "Es war eine Hassliebe zwischen uns", sagte der 26-jährige Bö. Fourcade ist der Erste, der in sieben aufeinanderfolgenden Höhepunkten in einem Einzelrennen Gold holte. Der Vater zweier Töchter schaffte 79 Weltcupsiege, nur Björndalen ist mit 94 besser. Er wurde fünf Mal Olympiasieger, 13 Mal Weltmeister. Die Erfolge haben "meine schönsten Träume übertroffen." Fourcade, der schon als Kind nicht verlieren konnte, hasste Niederlagen. Das Gelbe Trikot wurde zu seiner zweiten Haut, zur Selbstverständlichkeit. Er wirkte oft arrogant, provozierte gerne, wenn er nach einem letzten Schießen schon am Schießstand jubelte oder mit abgeschnallten Skiern über die Ziellinie lief.

Doch davon war zuletzt nichts mehr zu sehen. Denn nach Olympia 2018 und drei Mal Gold wurde er von allen in Beschlag genommen, Fourcade als Botschafter für Olympia 2024 in Paris, als Promoter seiner Autobiografie, Fourcade stürzte ab. "Letzte Saison war ich out", bei der WM in Östersund quälte er sich 2019 kraftlos über die Strecke, holte keine Medaille, wurde Zwölfter im Gesamtweltcup – Majestätsbeleidigung. Johannes Thingnes Bö lief ihm den Rang ab. Aus Fourcades Frustration wurde Verzweiflung. "Ich habe meine Stärke verloren. Und ich habe plötzlich gemerkt, dass Biathlon schwierig ist." Auch seine Teamkollegen zogen an ihm vorbei. Doch Fourcade kämpfte sich diese Saison zurück, wurde in Antholz Weltmeister im Einzel und in der Staffel, Dritter im Sprint. Er zeigte Demut, stellte das Team und nicht wie sonst gern sich selbst in den Vordergrund.