Letzter Weg

"Ich will nicht, ich will nicht"

Jutta Bissinger

Von Jutta Bissinger

Mi, 03. Juli 2013 um 16:56 Uhr

Panorama

Ach, wenn sie doch in diesem Zustand sterben könnte. So, wie wir sie kennen, eigenwillig und bei Sinnen. Aber das ist ihr, verdammt noch mal, nicht vergönnt.

Stefanie* war meine Schwägerin. Ich habe sie, wenn ich meine Beziehung zu ihr bezeichnen sollte, immer so genannt. Obwohl ich mit ihrem Bruder Peter, dem Vater meiner Tochter, nie verheiratet war. Stefanie und ich haben uns von Anfang an gut verstanden. Ich kann mich nicht an unsere erste Begegnung erinnern. Woran ich mich erinnere, ist ihre erste Krebserkrankung. Da war sie Mitte 20 und ich, gerade schwanger, einige Jahre jünger. Ich erinnere mich, dass ich Peter zum ersten Mal weinen sah. Und begriff, wie nah seine geliebte Schwester ihm stand. Dass sie damals wohl der einzige Mensch war, dem er bedingungslos vertraute und von dem er sich verstanden fühlte. Vielleicht sogar bis heute.
Lymphdrüsenkrebs war das damals, und ich erfuhr, dass sie im "IV. Stadium" sei, da gebe es kaum noch Chancen. Ich erinnere mich daran, dass sie eines Tages zu Besuch kam, um ihre neugeborene Nichte Maja zu begrüßen. Stefanie war aufgedunsen von den Medikamenten. Von der Bestrahlung waren ihr die Haare im Nackenbereich ausgefallen. Und an diesem Tag zeigte sie mir ganz stolz, dass sie nachwuchsen. Ich konnte damals nicht ermessen, was das für sie bedeutete – wahrscheinlich waren die Bestrahlungen beendet worden, vielleicht der Krebs besiegt. Ich weiß nur, dass sie zum ersten Mal richtig überschwänglich war.
Sie war immer herzlich zu mir gewesen, doch vertraute Nähe war es nicht. Wir haben uns nie verabredet, wir trafen uns zufällig in dieser oder jener Kneipe, wo wir beide gern am Tresen standen, und hatten dann auch mal Zwiegespräche. Aber diese Situationen waren selten. Sonst grüßten wir uns erfreut, wechselten ein paar Worte: Was macht Maja? Wie war's im Urlaub? Der einzige feste Termin, an dem wir uns sahen, war Majas Geburtstag. Deshalb: diese Überschwänglichkeit, diese Freude über die nachwachsenden Haare, mir gegenüber war etwas Besonderes. Ich bekam eine Ahnung davon, wie wertvoll solche kleinen Dinge sein können – wenn man weiß, wie nah der Tod doch ist.
Klar, die Stefanie packt das, die ist stark, das Leben pur
Dann ...

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