"Irgendetwas mit Juden"

Klaus Riexinger

Von Klaus Riexinger

So, 10. November 2019

Waldkirch

Der Sonntag Buchvorstellung: Allen Widerständen zum Trotz arbeitet Waldkirch beharrlich seine nationalsozialistische Vergangenheit auf.

Klaus Riexinger
Hier war doch nichts!" Das Zitat, das es zum Titel des jetzt erschienenen Buches über "Waldkirch im Nationalsozialismus" gebracht hat, war vor 30 Jahren eine Art letzte Bastion gegen die Aufarbeitung der braunen Vergangenheit des Schwarzwaldstädtchens am Fuß des Kandels. Es stammt von der damaligen CDU-Fraktionsvorsitzenden Anneliese Licht, die ihrem Ratskollegen von der SPD, dem Militärhistoriker Wolfram Wette, zudem beschied, da gäbe es auch nichts zu erforschen. Eine Mehrheit im Gemeinderat sah es anders und setzte durch, dass sich die Kulturtage 1989 dem Thema "Waldkirch 1939 – davor und danach" widmen sollten. Es war der Anfang einer Auseinandersetzung, deren Auswirkungen noch heute in Waldkirch festzustellen sind und die auch Eingang in das gestern vorgestellte Buch gefunden haben. Der frühere Bürgermeister Richard Leibinger, einer von 27 Autoren, beschreibt in dem Band das lange Gezerre um die Kulturtage. So wurde 1989 auch in Waldkirch zum Jahr der Wende. Die Bastion des Schweigens fiel, weil eine kritische Minderheit keine Ruhe gab und nicht aufhörte, nachzufragen.

Waldkirch sei weder "ein Leuchtturm der Bewegung" noch eine "Insel der Glückseligen" gewesen, schreibt Bürgermeister Roman Götzmann in seinem Geleitwort zum Buch. Und doch finden sich Gründe, weshalb sich die Kleinstadt über viele Jahrzehnte und zum Teil auch noch heute so schwer mit ihrer Vergangenheit tut. Wette nennt drei solcher Merkmale, durch die sich Waldkirch von der Masse vieler Kommunen in Deutschland abhebt. Eine Besonderheit war die Dominanz der katholischen Zentrumspartei. Selbst bei der Märzwahl nach der Machtergreifung 1933 lag das Zentrum vor der NSDAP. Und noch 1934 räumte NSDAP-Bürgermeister Max Kellmayer gegenüber Reichsstatthalter Robert Wagner ein, dass die Partei in Waldkirch auf schwerem Posten stehe. Warum sich das bald darauf änderte, bleibt eine offene Frage.

Die beiden anderen Besonderheiten führen zu einem Menschen, dessen Verbrechen eine kaum zu fassende Dimension haben: zu Karl Jäger. Der Waldkircher organisierte 1941 und 1942 in Litauen die Ermordung von mehr als 138 000 Juden und führte auch noch penibel Buch über die von ihm verantworteten Erschießungen der Männer, Frauen und Kinder. Anfang der 1930er Jahre hatte der Prokurist einer Orchestrionfabrik – und das ist die dritte Besonderheit – einen für die 6000-Einwohner-Stadt mit bis zu 200 Angehörigen ungewöhnlich großen und bestens ausgebildeten SS-Sturm geformt. Wette beschreibt die SS in Abgrenzung zur SA als die Elite der NS-Bewegung. In Waldkirch dürfte die Person Karl Jägers die Attraktivität des elitären Clubs verstärkt haben. Seine Mitbürger schilderten ihn als "feinsinnigen, musikalisch begabten, charakterfesten, immer korrekten, politisch engagierten und führungsstarken Mann", der hohes Ansehen genoss und damit offenbar die obere Schicht ansprach. Die Waldkircher SS-Männer, so heißt es, stammten aus den sogenannten "guten Familien" der Stadt.

Plötzlich hieß es: Einer von uns war Massenmörder

Sind es diese Familien, die über lange Jahre die Aufarbeitung behinderten? Diese These vertreten manche in Waldkirch. Doch bewiesen sei sie nicht, sagt Wette. Die Recherche wird auch dadurch erschwert, dass es im Stadtarchiv keinerlei Unterlagen zu Waldkircher NS-Organisationen gibt – zwei Verwaltungslehrlinge waren noch nach dem Krieg angewiesen worden, belastendes Material aus der NS-Zeit zu vernichten. Der Militärhistoriker wurde mehrfach gefragt, ob in Waldkirch der Nachkriegszeit Jägers Rolle im Holocaust überhaupt bekannt gewesen sei. Wette geht davon aus, dass es zumindest den Veteranen aus Jägers SS-Sturm bekannt gewesen sein muss. Heinz Jäger, der Enkel Karl Jägers, sagte im Interview mit der Badischen Zeitung in dieser Woche, er habe gewusst, dass sein Großvater "irgendetwas mit Nazi-Verbrechen zu tun" gehabt habe. 1989 erfuhr er die ganze Wahrheit. Der Waldkircher Heimatforscher Hermann Rambach hatte Wette berichtet, dass es einen gewissen Karl Jäger gebe, der "zur Nazi-Zeit irgendetwas mit den Juden in Litauen zu tun" hatte. Der Heimatforscher selbst wollte sich damit nicht beschäftigen. Wette aber wurde in Archiven bald fündig. Die Nachricht platzte noch während der Waldkircher Kulturtage 1989: "Einer von uns" sei der Massenmörder der litauischen Juden gewesen, hieß es. Eine vom Arbeitskreis Regionalgeschichte unter Leitung der Historiker Wette und Heiko Haumann bereits gedruckte Broschüre musste mit einem Ergänzungsblatt versehen werden. Gegner der Aufklärung, erinnert sich Wette, sahen den Frieden in der Stadt in Gefahr, andere bangten um den Ruf der Touristenstadt. Es gab sogar Morddrohungen. Schließlich zerbrach der Arbeitskreis an der Frage, wie mit der Geschichte Jägers umzugehen sei.

Wie langsam sich das politische Klima in der Stadt wandelte, zeigt sich an einer weiteren bemerkenswerte Episode. NSDAP-Bürgermeister Max Kellmayer, ein fanatischer Nazi und Antisemit, der sich in den 1930er Jahren mit Karl Jäger einen Wettbewerb um die Führungsrolle in der Partei im Elztal geliefert haben soll, klagte nach dem Krieg nach einer 39-monatigen Haft auf eine Anstellung bei der Stadt, schreibt Ralph Bernhard in seinem Beitrag. Als die Klage nicht erfolgreich war, trat Kellmayer 1957 zur ersten Direktwahl nach dem Krieg gegen Bürgermeister Ernst Prestel von der CDU an und holte erstaunliche 35,2 Prozent. Mit seiner bekannten Vergangenheit ging er offenbar offensiv um. "Manche behaupten, wir kämen wieder. Das stimmt nicht, wir sind schon wieder da", soll er gesagt haben. Von Reue keine Spur. Damit bekam er über zehn Prozent mehr Stimmen als die NSDAP im Juli 1932 in Waldkirch.

Heute haben sich die Mehrheitsverhältnisse gedreht. Die Stadt hat das von Wette herausgegebene Buch mit 25 000 Euro bezuschusst, das Gymnasium am Ort trägt seit über 30 Jahren den Namen der Widerstandskämpfer der Geschwister Scholl und hält jedes Jahr am 27. Januar Gedenkfeiern für die Opfer des NS-Regimes ab, für die jüdischen Opfer in Litauen wurde 2017 ein Mahnmal errichtet, dessen erklärender Text das Verbrechen schonungslos benennt, Jürgen Dettling hat den Dokumentarfilm "Karl Jäger und wir" gedreht – und auf Einladung des Geschwister-Scholl-Gymnasiums kamen sogar Überlebende des Holocaust aus Litauen nach Waldkirch. Mit Wettes Karl- Jäger-Biografie von 2011 nahm auch wieder ein Arbeitskreis die Forschung auf, die mit dem jetzt herausgegebenen Band von den Anfängen des Nationalsozialismus über Krieg, Vernichtung, Widerstand bis zur quälenden, aber letztendlich erfolgreichen Aufarbeitung einen beispielgebenden Abschluss gefunden hat.

Die andere Seite gibt es aber noch. Wette berichtet, dass ein Waldkircher erfuhr, dass sein im Stadtarchiv hinterlegtes Foto von einer Versammlung der SS auf dem Marktplatz den Titel des Buches zieren sollte. Daraufhin habe er die Verwendung dem Herausgeber verboten, obwohl niemand auf dem Foto zu erkennen ist. "Meine Nerven sind angespannt", gesteht der Geschichtsprofessor.

Manchem, der im Verdacht steht, sich der Aufarbeitung zu widersetzen, aber tut man Unrecht. So ärgert sich der Fraktionschef der Freien Wähler, Bernd Zickgraf, dass die Abstimmung über einen Druckkostenzuschuss für das Buch im Gemeinderat als knapp bezeichnet werde. Es gab 15 Ja-Stimmen, 4 Nein-Stimmen und 6 Enthaltungen. Enthalten habe auch er sich, sagt Zickgraf, weil ihm der Betrag von 25 000 Euro in Anbetracht der damals bevorstehenden Haushaltssperre zu hoch erschien. An seiner Zustimmung zum Buch lässt der Rektor des Geschwister-Scholl-Gymnasiums aber keine Zweifel aufkommen: "Das ist ein sehr sinnvolles Projekt." Zur Buchvorstellung kamen gestern rund 180 Gäste. Festredner Peter Weiß betonte, dass eine ehrliche Aufarbeitung der Geschichte Grundlage für ein friedliches Zusammenleben in Europa sei. Ein "Deckel drauf" auf die Geschichte dürfe es nicht geben, betonte der CDU-Bundestagsabgeordnete.
"Hier war doch nichts!" Waldkirch im Nationalsozialismus, herausgegeben von Wolfram Wette, Donat-Verlag, 528 Seiten, 29,80 Euro