"Keiner von uns hätte das allein machen können"

bex

Von bex

Fr, 26. November 2021

Zisch-Texte

ZISCH-INTERVIEW mit dem Zellbiologen Peter Beyer über seine Erfindung, den Goldenen Reis, der irgendwann vielen Millionen Menschen das Leben retten könnte.

Peter Beyer war Professor für Zellbiologie an der Uni in Freiburg und Miterfinder des Goldenen Reis’, einer Reissorte, die Betakarotin, also eine Vitamin-A-Vorstufe enthält. Durch seine Erfindung könnten viele Millionen Menschenleben gerettet werden, denn Vitamin-A-Mangel ist in den ärmsten Ländern der Welt weit verbreitet. Zisch-Reporterin Aurelia Bumen aus der Klasse 4 der Grundschule Tunsel in Bad Krozingen spricht im Interview mit ihm über den Goldenen Reis.

Zisch: Was ist das Goldene Reiskorn eigentlich?
Beyer: Also, das ist eigentlich nicht golden, sondern es ist gelb. Aber jemand kam auf die Idee, das war ich gar nicht selber, das golden zu nennen, weil es mehr Aufmerksamkeit erregt. Er ist gelb, weil er eine Vorstufe des Vitamins A herstellen kann. Diese Vorstufe heißt Betakarotin. Dieses Betakarotin kommt zum Beispiel in der Karotte vor. Das ist derselbe Farbstoff. Vitamin A brauchst du, ohne kannst du gar nicht leben. Du würdest blind werden und du würdest zum Beispiel große Probleme haben mit Kinderkrankheiten.
Zisch: Wozu musste man das Goldene Reiskorn erfinden?
Beyer: Es gibt eine Organisation, die heißt Weltgesundheitsorganisation. Diese Leute überwachen weltweit, was es für Gesundheitsprobleme gibt. Und so hat man herausgefunden, dass ein Riesenproblem darin besteht, dass die Leute, besonders die in den armen Ländern, zu wenig Vitamin A haben. Man wollte ein Nahrungsmittel, das jeden Tag gegessen wird, in dem das Vitamin drin ist und das von den Menschen selbst angebaut werden kann. Die Bauern würden es anpflanzen und immer genug Vitamin A bekommen. Das ist die Idee hinter dem Goldenen Reis, den man dann ja nur einmal verteilen muss.
Zisch: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, so etwas zu erfinden?
Beyer: Im Grunde bin ich selber gar nicht auf die Idee gekommen. Sondern es gibt Reiszüchter, die solche Reissorten entwickeln. Die treffen sich und besprechen, was als Ziel denn wünschenswert und brauchbar wäre. Und das geschah auch zu der Zeit, als die Weltgesundheitsorganisation feststellte, dass Vitamin-A-Mangel ein Riesenproblem ist. Aber es gibt unter den vielen tausend Reissorten nicht eine, die vom Betakarotin gelb ist, so dass man an Spezialisten wie mich herangetreten ist. Die Leute, die auf mich zukamen, waren von einer Stiftung, die Rockefeller Stiftung heißt.
Zisch: Und man hat Reis gewählt, weil der immer gegessen wird?
Beyer: Ja, Reis wird in vielen Gegenden gegessen, in denen die Menschen arm sind. Aber ausschließlich Reis zu essen macht krank. Irgendwann funktioniert das Immunsystem nicht mehr richtig.
Zisch: Mit wem haben Sie das Goldene Reiskorn erfunden?
Beyer: Mit meinem Kollegen Ingo Potrykus. Er ist Professor in Zürich gewesen.
Zisch: Und woher kanntet ihr euch oder wie habt ihr euch gefunden?
Beyer: Wir haben uns im Flugzeug getroffen. Ingo und ich waren zufällig im gleichen Flugzeug. Die Rockefeller Stiftung hatte uns eingeladen und wir mussten nach New York. Bevor wir gelandet sind, hatten wir eigentlich schon einen Plan, wie wir es vielleicht hinkriegen könnten, den weißen Reis gelb zu machen. Das ist aber lange her.
Zisch: Wie habt ihr beiden euch die Arbeit dann genau aufgeteilt?
Beyer: Meine Arbeitsgruppe und ich waren die, die den Plan entwerfen konnten, wie so etwas funktionieren kann. Dafür braucht man ja Gene. Hast du schon etwas davon gehört? Dazu braucht man bestimmte Werkzeuge, die der Pflanze die Information vermitteln, wie diese gelbe Farbe hergestellt wird. Und der Kollege in Zürich wusste damals, wie man das in die Reispflanze hineinbekommt. Also haben wir sozusagen die Werkzeuge hergestellt und er hat die Werkzeuge genommen und sie in die Pflanze überführt. Und das konnten damals nur wenige Menschen auf der Welt.
Zisch: Wo habt ihr das gemacht?
Beyer: Das war zu 50 Prozent in Freiburg und zu 50 Prozent in Zürich. Die Mitarbeiter sind immer hin und her gefahren. Das ist nicht so weit. Keiner von uns hätte das alleine machen können, nur zusammen konnte das funktionieren. Und so haben wir über zehn Jahre gearbeitet.
Zisch: Wann habt ihr das erfunden?
Beyer: Dass es wirklich funktionieren kann, war erst klar im Jahr 2000.
Zisch: Wie konntet ihr so was erfinden?
Beyer: Das ist eine lange Geschichte. Ich habe mich mein ganzes Leben damit beschäftigt, wie diese gelben Farben alle in der Natur gebildet werden. Da gibt es ganz viele unterschiedliche Substanzen, die gelb sind, die sehr kompliziert hergestellt werden. Diese gelben Substanzen sind sogar in einem grünen Blatt drin. Du siehst sie nur nicht, weil es von dem Grün überdeckt wird. Ich konnte einen Weg finden, wie man diese einzelnen Substanzen zusammenfügen muss, um daraus das Betakarotin herzustellen. In Experimenten haben wir das dann immer ausprobiert. Nur weil du einen Plan im Kopf hast, heißt das nicht, dass der gleich funktioniert. Und oftmals ist es danebengegangen. Das Reiskorn blieb weiß. Bis wir dann die richtigen Kombinationen hatten, um das Reiskorn wirklich gelb werden zu lassen.
Zisch: War es sehr schwer, das Goldene Reiskorn zu erfinden?
Beyer: Ja, damals schon. Heute würden die Leute sagen, das ist doch einfach. Aber das ist immer so, wenn man einmal rausgefunden hat, wie es geht, ist alles einfach. Ein Versuch dauerte vom Samen bis zur Pflanze, und bis neue Körner kamen, schon mal fünf bis sechs Monate. Und wir haben viele Versuche gebraucht.
Zisch: Schmeckt das Goldene Reiskorn anders als das normale weiße?
Beyer: Gute Frage. Das Betakarotin hat für uns keinen Geschmack. Deshalb schmeckt der Goldene Reis nicht anders als gewöhnlicher Reis.
Zisch: Hat die Erfindung euch reich gemacht?
Beyer: Nein, denn wir haben die Erfindung, genauer gesagt das Patent dazu, verschenkt. Es war unser Wunsch, der Menschheit was zu geben, was ihr nützt.
Zisch: Seit wann darf man eure Erfindung nutzen?
Beyer: Erst seit Kurzem ist der Reis in verschiedenen Ländern zugelassen, wie beispielsweise auf den Philippinen. Weil das eine technische Entwicklung ist, muss der Reis viele Stufen der Überprüfung durchlaufen, ob er wirklich sicher ist, ob er genauso wächst wie der normale Reis, ob es irgendwelche Nachteile gibt. Und dann muss er noch gezüchtet werden. Wir hoffen, die Menschen nehmen den Reis an.