Kino

Das Kriegsdrama "1917" erzählt von Menschlichkeit in unmenschlicher Zeit

Gabriele Schoder

Von Gabriele Schoder

Mi, 15. Januar 2020 um 12:11 Uhr

Kino

Das Kriegsdrama "1917" erzählt vom schieren Überleben auf dem Friedhof der Hoffnung. Der Film von Sam Mendes nimmt den Zuschauer mit, im Wortsinne wie im übertragenen.

Warum, so mag man sich im Vorhinein fragen, kommt der Kriegsfilm "1917" ausgerechnet jetzt in unsere Kinos? Ohne einen Jahrestag des Ersten Weltkriegs oder einer der Filmfiguren? Aber wenn man dann aus dem Kino kommt, weiß man: Dieses bestürzende und in vielerlei Hinsicht meisterliche Drama des Briten Sam Mendes, das eben bei den Golden Globes die Auszeichnungen für den besten Film und die beste Regie bekam und mit zehn Nominierungen ins Rennen um die Oscars 2020 geht, erzählt nicht von einer bestimmten Schlacht oder einem einzelnen Feldzug. Sondern von Verantwortung, Mut und Menschlichkeit in unmenschlicher Zeit, von verbrannter Erde und dem schieren Überleben auf dem Friedhof der Hoffnung. Eine existenzielle Geschichte also, eine universelle – und eine, die auch 2020 aktuell ist, immer noch und wieder, in manchen Ländern sogar mehr denn je.

Die ewigen Gräuel des Krieges

Einen konkreten historischen Hintergrund, auf dem der Regisseur und seine Drehbuchautorin Krysty Wilson-Cairns ihre fiktionale Handlung angesiedelt haben, gibt es freilich schon. Er wird im Film nicht explizit erläutert, soll hier aber skizziert werden, um die Orientierung zu erleichtern – und deutlich zu machen, dass "1917" eben nicht irgendein Horrorszenario erfindet, um die ewigen Gräuel des Krieges zu inszenieren.

Die Schlacht an der Somme, bei der britisch-französische Truppen und deutsche Soldaten an der Westfront in Nordfrankreich um jeden Meter kämpften, hatte bereits mehr als eine Million Tote, Verwundete und Vermisste gefordert, als sie Ende 1916 ohne Ergebnis abgebrochen wurde. Für das Frühjahr 1917 war eine neue Großoffensive der Alliierten geplant, aber inzwischen hatten die Deutschen ihre Verteidigungslinie nach Osten verlegt. Alles sah danach aus, als seien sie auf der Flucht und der nächste Angriff könnte den Wendepunkt des Krieges bringen.

Ein Frühlingstag im April 1917

In Wirklichkeit war der Rückzug ein strategischer: Hinter der aufgegebenen Frontlinie hatten die deutschen Streitkräfte 200 Ortschaften völlig zerstört – Infrastruktur, Versorgungseinrichtungen, Wohnhäuser, ja sogar Kulturdenkmäler – , mehr als 100.000 Zivilisten zwangsevakuiert, das Land verwüstet und das Wasser verseucht. Gleichzeitig waren gigantische unterirdische Bunkeranlagen gebaut worden, Bollwerke aus Zement und Stahl. Das Unternehmen Alberich, so der Deckname der Geheimoperation, sollte den Angriff der Alliierten vereiteln und ihre Soldaten in die Falle locken.

Und hier setzt der Film ein, an einem Frühlingstag im April 1917. Wiesenblumen blühen, und der britische Soldat Blake (Dean-Charles Chapman) döst in der Sonne, als er den Befehl bekommt, sich einen zweiten Mann zu suchen und beim General zu melden. Mit seinem Freund Schofield (George MacKay) macht er sich auf den Weg und überlegt noch, ob er auch ordentlich genug aussieht. Er ahnt ja nicht, welcher Auftrag auf ihn wartet…

Auf Tuchfühlung mit der Angst

General Erinmore (Colin Firth) hat über die Flugaufklärung eindeutige Hinweise auf die wahren Pläne der Deutschen erhalten, und wenn die Alliierten ihren Angriff nicht stoppen, werden 1600 britische Soldaten in einen tödlichen Hinterhalt geraten. "Auch Ihr Bruder, Lance Corporal Blake!", fügt Erinmore hinzu, wohl wissend, dass zum soldatischen Gehorsam des jungen Mannes auch noch sein brennender Wunsch kommen muss, einen Familienangehörigen zu retten, damit die aberwitzige Mission gelingen kann, auf die er ihn schickt.

Blake und Schofield sollen sich mit kleinstem Gepäck in südöstlicher Richtung zwischen den Frontlinien durchschlagen, im Wald von Croisilles das Bataillon der 2. Devons aufspüren und dem befehlshabenden Offizier rechtzeitig die Warnung vor der Falle der Deutschen überbringen. Ein Wettlauf mit der Zeit.

Blake und Schofield brechen unverzüglich auf – und wir, die Zuschauer, mit ihnen. Mendes und sein formidabler Stammkameramann Roger Deakins bleiben auf der ganzen zweistündigen Tour de Force immer auf Tuchfühlung mit den Protagonisten. Und ihrer Angst. Vom ersten Moment an: Wir eilen mit ihnen durchs Labyrinth der Schützengräben, stolpern mit ihnen über verwundete Soldaten, wir klettern mit ihnen die Leiter hinauf ins Niemandsland.

Apokalyptische Visionen

Und hier stockt uns zum ersten Mal der Atem: abgehackte Bäume, halbverweste Pferdekadaver, Leichen, die im brackigen Wasser treiben. Verbrannte Erde. Apokalyptische Visionen wie in einem dystopischen Science-Fiction-Film, nur dass diese hier nicht erfunden sind. Die beklemmende Unmittelbarkeit wird durch die raffinierte Schnitttechnik noch einmal beträchtlich erhöht: Die Bilder sehen aus, als seien sie in einem einzigen Take aufgenommen. Kein Aufatmen nirgends.

Unterirdische Festungen, in denen Sprengfallen auf Besucher warten, Stürze, Explosionen und Gewehrgefechte, ein brennendes Flugzeug und ein reißender Fluss, Blut, Tod und Gestank, den man förmlich zu riechen glaubt: Dieses Drama, bei dem man immer wieder froh ist, dass man vieles nur im Vorübergehen sieht, wie aus dem Augenwinkel, nimmt einen mit, im Wortsinne wie im übertragenen. Und ist doch alles andere als ein Actionfilm. Den kann Oscar-Preisträger Sam Mendes natürlich auch – man denke nur an seine Bond-Thriller "Skyfall" (2012) und "Spectre" (2015).

Hier aber inszeniert er eher wie in seinem Ehedrama "Zeiten des Aufruhrs" (2008) das subjektive Erleben einer Tragödie. Nur dass es in "1917" nicht um eine private geht. An diesem Film kommt niemand vorbei, der eine Ahnung vom bitteren Geschmack des Krieges haben will. Von Verwüstung, Tod und Wunden, die nicht heilen.
"1917" (Regie: Sam Mendes) kommt am Donnerstag in den Kinos. Ab 12 Jahren.