Epizentrum ist das Unergründliche

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Di, 24. Dezember 2019

Klassik

Weihnachtskonzert mit dem Philharmonische Orchester Freiburg.

Weihnachtskonzert – das suggeriert klingende Christstollen und Lebkuchen. Visuell erfüllt das Theater Freiburg mit seinem noch recht jungen Format im sehr gut besuchten Großen Haus des Stadttheaters die Erwartungen: auf der linken Vorderbühne ein Konvolut an unterschiedlich großen Geschenkepäckchen, rechts zwei nostalgische Sitzgelegenheiten (für die beiden Moderatorinnen Anna-Lena Schuppe und Helga Maria Craubner), eine Stehlampe und ein Plastikchristbaum. Und über weite Strecken des ersten Teils eine große, leicht unscharfe Projektion eines mit Herrnhuter Sternen geschmückten, kahlen Laubbaums im, wenn nicht alles täuscht, Freiburger Stadtteil Oberlinden.

Auf der einen Seite das Klischee, auf der anderen ein Programm, das in weiten Teilen eben genau dem zu entrinnen versucht. Insofern wäre eine eindeutigere Absprache zwischen Programmgestaltern und Ausstattern dann doch ganz wünschenswert: Von einem Stadttheater sollten durchaus kreativere Möglichkeiten der Gestaltung zu erwarten sein. Ektoras Tartanis verfügt über sie. Der neue erste Kapellmeister offeriert kurz vor Heiligabend ein Programm, das den Titel (be)sinnlich verdient. Und das Sinnliche zielt aufs Innehalten und Zuhören-Können ab. Victor Hely-Hutchinsons sinfonische Bearbeitung von "Adeste fideles" und der Epilog aus Lars-Erik Larssons "En Vintersaga" wirken da noch am überschaubarsten in ihren Stimmungsbildern, werden gleichwohl vom Philharmonischen Orchester mit artikulatorischer Raffinesse und Disziplin zelebriert.

Nicht Weihnachten ist jedoch das klangliche Epizentrum des Abends, eher schon das Dunkle, Unergründliche. In Peter Tschaikowskys "Dezember" aus dem Jahreszeiten-Zyklus drehen Orchester und Klavier im Wechsel die Pirouetten eines langsamen Walzers auf der Eisfläche – nicht immer ganz optimal organisch ineinander verwoben. In Igor Strawinskys "Pulcinella"-Suite dürfen die Orchestermusiker zu Solisten werden – das tun sie mit Verve und Aplomb: Die neoklassizistische Commedia dell’arte erfährt reifen Spielwitz und – zumeist – erfreuliche Detailschärfe. Amelie Knözinger schlüpft aus dem Geschenkekarton in die Rolle des listigen neapolitanischen Clowns: eine routinierte Performance, die gleichwohl nicht ganz über die Suite hinweg trägt.

Die Höhepunkte sind eindeutig. Jean Sibelius’ "Schwan von Tuonela", dessen melancholischen, tieftraurigen Gesang Magdalena Maekawa mit dem Englischhorn berührend lyrisch aufblühen lässt, begleitet von einem perfekt nordischen Streicherklang. Und dann – Edward Elgars viel zu selten in den Spielplänen aufscheinende "Enigma-Variationen". Ob in "Nimrod" mit den immer herrlicher erstrahlenden Violinen, ob im energischen, hochvirtuosen "Troyte", ob beim kecken, sordinierten Intermezzo "Dorabella" mit den zirpenden, stakkatierenden Violinen und Flöten, oder in den ineinander übergehenden letzten beiden Variationen: Ektoras Tartanis und die Philharmoniker lassen diesem sinfonischen Kleinod maximale Klangkultur angedeihen. Und Sinnlichkeit. Ein Sieg des Innerlichen über alle Äußerlichkeit. Und damit eine sehr überzeugende Weihnachtsbotschaft!