Klassik

Zwei neue CDs mit Improvisationen des einstigen Münchner Domorganisten Franz Lehrndorfer

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Fr, 29. März 2019 um 20:15 Uhr

Klassik

Münchens einstiger Domorganist Franz Lehrndorfer war ein Großmeister des Stegreifspiels. Jetzt gibt es zwei neue CDs mit Improvisationen über Lieder zu Passion, Ostern und Pfingsten.

Er war schulebildend – und ein veritabler Großmeister der Improvisation. 84-jährig starb Anfang 2013 der einstige Münchner Domorganist und Hochschulprofessor Franz Lehrndorfer. Seine Frau Inge tut gut daran, die Mitschnitte ihres Mannes nun nicht in der familiären Schatztruhe zu horten, sondern sie, ansprechend aufbereitet, der interessierten Öffentlichkeit zu übergeben. Der jüngste Schenkungsakt betrifft zwei CDs mit Orgelimprovisationen zu den Themen Passion, Ostern und Pfingsten. Live-Aufnahmen aus den Jahren 1977 bis 1992, die an diversen Instrumenten (über die man gern mehr erfahren hätte) entstanden sind. Stegreifdarbietungen, mit denen dieser Organist seine Konzerte zu krönen pflegte.

Lehrndorfer improvisiert (primär) über Kirchenlieder. Und macht daraus im weitesten Sinn Choralfantasien ganz eigener Prägung, die jeweils etwa eine Viertelstunde dauern. Dass die Klanglichkeit gerade bei den Passionschorälen mal spröder, herber und heutiger sein kann: Es ist dem biblischen Hintergrund und dem liturgischen Kalender geschuldet. Immer wird der Zuhörer unmittelbar erreicht. Auch, wo Lehrndorfer kunstvoll auf Vorbilder verweist: Da klingt eine melismatische (verzierte) Variation von "O Haupt voll Blut und Wunden" fast wie Bachs "Orgelbüchlein"-Choral "O Mensch, bewein’ dein’ Sünde groß" – zumal, wie beim Thomaskantor, gegen Schluss noch das Tempo verlangsamt wird.

Lehrndorfer hat seinen ungemein sympathischen Stil, der thematisch und situativ offen ist. Nach einer musikalischen Hinführung folgen Choralvariationen, manchmal Spiele nur mit Liedbestandteilen, Choralpartikeln. Eindrucksvoll ist die eruptive Kraft, wenn die Liedmelodie, begleitet von hurtigen Aktionen der Hände, im Pedal durchgeführt wird. Gekonnt wechseln sich Meditatives und Bewegtes ab. Und wie Lehrndorfer ein Fugenthema gleichsam aus dem Ärmel schüttelt, es virtuos adaptiert: atemraubend! Besonders, wenn das Thema so zerklüftet wirkt wie in starken Momenten beim norddeutschen Barockkomponisten Nicolaus Bruhns. Schön, wenn der profilierte Themenkopf in muntere Sequenzen mündet. Lehrndorfer liebt den silbrigen Mixturenglanz der Orgel. Und den bebenden Tremulanten. Auch Mystisches findet sich ("Veni, creator Spiritus").

Aus "Lasst uns erfreuen herzlich sehr" spricht Freude des Christenmenschen. Klingende Theologie. Am Ende erscheint der Choral gern als Apotheose und opulent harmonisiert – in Reger-Nähe. Bestes Beispiel: das Lied "Jesus lebt, mit ihm auch ich". Wer da in Lehrndorfers Musik keine österliche Zuversicht verspürt, hat ein Herz aus Stein...

Franz Lehrndorfer – Live. Orgelimprovisationen. Passion, Ostern, Pfingsten. Vol. 11 und 12. Zwei CDs (Butz).