Buchveröffentlichung

Koks, Bordelle und die Familie: Ein Clan-Aussteiger packt aus

Andreas Rabenstein

Von Andreas Rabenstein (dpa)

Do, 08. Oktober 2020 um 19:45 Uhr

Panorama

100-Euro-Scheine in Drei-Liter-Gefrierbeutel: Der Aussteiger Khalil O. berichtet in einem Buch über die Szene der abgeschotteten arabischstämmigen Clans.

Der Lockruf von Geld, Ansehen und Sex ist für die jungen Männer oft unüberhörbar. "Während das Amt uns jeden Monat ein paar hundert Euro Sozialhilfe überwies, packten wir 100-Euro-Scheine in Drei-Liter-Gefrierbeutel. Die Beutel verbuddelten wir im Hinterhof, versteckten sie in Lautsprecherboxen oder im Aufzugsschacht."

So schreibt der Aussteiger Khalil O. in seinem Buch "Auf der Straße gilt unser Gesetz" über das Leben in einem arabischstämmigen Clan in Berlin. Das Besondere an arabischstämmigen Clans ist ihr Zusammenhalt. Weil es um gemeinsame Herkunft und Kultur geht – und natürlich um die Familie. Unter Kriminellen aus dieser Szene gibt es kaum Verräter. Mit Hilfe einer Journalistin berichtet Khalil O., der in Wirklichkeit anders heißt, über eine Parallelgesellschaft mit eigenen Gesetzen, über Reichtum durch Koks-Taxis und den Ausstieg aus dem kriminellen Milieu.

Das Thema der arabischstämmigen Großfamilien ist seit Jahren ein Aufreger. Die Politik in Niedersachsen, Berlin und Nordrhein-Westfalen hat nach Jahrzehnten des Wegsehens die Probleme erkannt und gibt der Polizei inzwischen die nötige Rückendeckung. Das Ergebnis: Kontrollen, Razzien, Ermittlungen. 77 Häuser und Wohnungen des bekannten Berliner Remmo-Clans wurden beschlagnahmt. Der Chef des Abou-Chaker-Clans und seine Brüder sind vor Gericht, weil sie den Rapper Bushido erpresst und angegriffen haben sollen.

Khalil O. wurde Ende der 1990er Jahre in Berlin vom gewalttätigen Schüler zum Berufsverbrecher und Drogenhändler. Er nahm den gleichen Weg wie Onkel, Brüder, Cousins und Freunde. Nur dass er die Szene vor 15 Jahren verließ. Heute ist er Sozialarbeiter. Die Journalistin Christine Kensche von der Zeitung Welt schreibt von mehr als 50 Treffen mit dem Mann, dessen Geschichte sie bei Polizei und Staatsanwaltschaft gegenrecherchiert habe. Dort halte man sie für glaubwürdig.

Die vor allem aus der Türkei kommenden und in den 80er Jahren über den Libanon eingereisten Mitglieder des arabischen Mhallami-Stammes erkennen nur die alten archaischen Regeln an. Die Familie ist alles, der Staat ist nichts. Kinder werden verprügelt, Jungen haben völlig andere Freiheiten als Mädchen, junge Männer heiraten bevorzugt Cousinen. "Wenn du um Hilfe bittest, giltst du als schwach." Ehre, Geld und Macht sind das Wichtigste.

Den Weg in die Kriminalität bahnen ältere Verwandte, erzählt Khalil O. "Wenn meine Oma sagte, dass sie einen neuen Staubsauger braucht, zogen sie los und klauten einen. (...) In Beirut hatten sie nur Brot gestohlen, da gab es ja nichts mehr, aber Berlin war das Paradies, da gab es alles im Überfluss." Strafverfolgung? "In 99 Prozent der Fälle wurde ich gar nicht erst erwischt, und wenn doch, wurden die Verfahren meist eingestellt. Ich sammelte schnell ein gutes Dutzend an, kriegte aber höchstens mal ein paar Stunden Freizeitarbeit."

Als Schüler raucht Khalil O. täglich Marihuana, er verdient schnell auch sein Geld für Luxuskleidung, Goldketten und später auch die häufigen Bordellbesuche mit dem Verkauf der Droge. Neue Kontakte und Geschäftsmöglichkeiten ergeben sich grundsätzlich über die Verwandtschaft in Berlin-Kreuzberg, Neukölln oder Wedding. Konkurrenten werden brutal zusammengeschlagen. Kein Opfer geht zur Polizei.

Anfang der 2000er Jahre steigen Khalil O. und seine Freunde in den Kokainhandel ein, mit 24-Stunden-Lieferservice. Das Koks liefern Verwandte aus Westdeutschland und den Niederlanden, das Geld fließt. "Ich trug eine Rolex an jedem Arm und fuhr die fettesten Autos auf Berlins Straßen. An Silvester mietete ich eine Präsidentensuite am Potsdamer Platz." Es folgen Sucht, Absturz, Krise und Ausstieg. Mühsam macht Khalil O. das Abitur nach.

Sein Fazit: Nur ein harter Staat kann diese Kriminalität wirksam bekämpfen. "Wenn man den Clans das Geld wegnimmt, sind sie niemand mehr, und das tut richtig weh." Die Beschlagnahmung von Vermögen sei das große Thema in der Szene. "Alle warten darauf, wie es weitergeht. Was macht der deutsche Staat? Wie werden die Gerichte urteilen?" Zur Lösung gehöre auch eine klare Ansage. Manche Politiker sagten, das Wort "Clan-Kriminalität" sei rassistisch. "Die verniedlichen das Problem und sagen, die Clans sind gar nicht so schlimm. Ich würde sagen: Doch, sind sie."