"Kräuter sind ein weites Feld"

Jutta Schütz

Von Jutta Schütz

Mo, 22. Juni 2020

Bad Bellingen

Wildkräuterspaziergang in Bad Bellingen stößt auf reges Interesse – weitere Termine sind geplant.

. Kräuterfans sind rezeptkundig und wetterfest: Unterbrochen von einem heftigen Platzregen fand der erste Wildkräuterspaziergang mit Martina Schwinger auf einer Wanderstrecke zwischen Römerstraße und Hertingen statt. Mit insgesamt zehn Personen, die sich lebhaft zu Kräutersalaten, Tees und Seifen sowie Essensrezepten austauschten, war die Wanderung ausgebucht – "die Nachfrage war so groß, dass es in der kommenden Woche weitere Führungen gibt", freute sich die Biologin.

Wie groß die Vielfalt an heilenden, essbaren und auch mal der einen oder anderen giftigen Pflanze ist, konnten die Teilnehmer entlang zahlreicher Stopps am Wegesrand feststellen. Martina Schwinger hatte eine Liste mit mehr als 100 heimischen Kräutern und Wildpflanzen zusammengestellt und an die Teilnehmer verteilt. Die Pflanzen waren nach den Familien geordnet, zu denen sie gehören, dazu war vermerkt, ob die Pflanze roh oder gekocht essbar ist, ob man sie als Tee- oder Färbepflanze, als Gewürz oder Heilpflanze verwenden kann.

"Kräuter sind ein breites Feld", stellte Schwinger gleich am Startpunkt der Wanderung am Parkplatz an der Römerstraße fest. Neben "Freugemüse", so Schwingers Bezeichnung für hübsche Blumen, wachsen dort zahlreiche verschiedene Kräuter, "viele davon gehören zu den Familien der Lippen- oder Korbblütler, zu den Kreuzblütlern, zu den Wegerichgewächsen, Lauchgewächsen oder zu den Reseden. Die Pflanzen, die zu einer Familie gehören, haben ähnliche Eigenschaften", gab die Biologin einen Einblick in ihr Fachgebiet. Die Kenntnisse in der Gruppe waren unterschiedlich – einige Frauen kannten sich bereits sehr gut aus, andere Teilnehmerinnen und der einzige männliche Teilnehmer hatten sich für das Thema grundsätzlich interessiert.

Spitzwegerich als Pflasterersatz auf Wunden aufgelegt sowie als Tee gegurgelt bei Halsentzündungen war den Pflanzenfans bekannt. Schwinger stellte Johanniskraut vor, dessen Blüten zerdrückt lila färben und das als Antidepressivum in der Medizin Anwendung findet. Die Biologin erklärte zudem, wie man das invasive für Weidetiere gefährliche Jakobskreuzkraut bestimmt und die echte, gut riechende, von der falschen Kamille, die kaum duftet und größere Blüten hat, unterscheidet.

Auf feinen Stängeln schaukelten kleine lila Blütendolden im Wind: "Das ist der Schlangen-Lauch, der essbar ist – etwa als Salatzutat", informierte Schwinger. Überhaupt Salat und Gemüse: Viele Pflanzen sollte man nur verwenden, wenn sie noch jung sind. Brennnesseln oder die Acker-Melde etwa, die einen tollen Spinatersatz abgeben. Stichwort Brennnessel: Erklärt wurde zum einen, dass man aus Nesseln früher Nesselstoff herstellte und wie sich die weiblichen von den männlichen Brennnessel-Pflanzen unterschieden. Streift man die Blüten ab, sind die weiblichen gefüllt und bei den männlichen "kommt gar nichts" , ergänzte Angelika Mennle vieldeutig zum Gelächter der Teilnehmerinnen. Gezückt wurden nun Mobiltelefone, denn die Biologin empfahl eine hervorragende App namens "Flora incognita" mittels derer man Fotos an einen Server schickt und dort der Computer sekundenschnell Namen und Steckbrief der Pflanze ermittelt.

Einen lustigen Namen hat der "Gelbe Wau" mit von vielen Bienen angeflogenen gelben Blütenständen, die derzeit in Wiesen zu sehen ist. Am Hertinger E-Werk wuchsen Eisenkraut (Verbene), Thymian und jede Menge Oregano, dazu der auch in Gärten häufige "Gundermann". Dieser schmeckt leicht nach Pfefferminz. "Die Blättchen kann man in geschmolzene dunkle Schokolade tauchen und dann als Konfekt in das Gefrierfach legen, sieht hübsch aus und schmeckt dann ein bisschen wie After-Eight", gab Angelika Mennle einen Tipp. Die "Wilde Möhre", ein Prachtexemplar "Wilder Meerrettich", "Baldrian", "Schafgarbe" und das angenehm duftende "Mädesüß" wuchsen auf dem Gewann "Schwärze". An einem Ackerrand hatte sich mit dem "Stechapfel" zudem eine Giftpflanze angesiedelt, deren Inhaltsstoffe Atemlähmungen verursachen können. Harmloser ist da der essbare Kompass-Lattich, dessen Blätter sich wie ein Kompass ausrichten. "Den habe ich immer als Unkraut weggeworfen", bekannte eine Teilnehmerin. Zum Schluss gab es noch eine Überraschung. Am Radweg schlängelte sich die attraktive rosé-gelblich blühende "Bärenschote" auch "Tragant" genannt, eine süßlich schmeckende Futterpflanze. "Die hatte ich noch gar nicht gesehen", war Schwinger entzückt.

Buchtipp: "Essbare Wildpflanzen, 200 Arten bestimmen und verwenden"; App zum Download: "Flora incognita". Termine Wildkräuterspaziergang mit Martina Schwinger: Am 24. Juni (ausgebucht) und 25. Juni 2020 (noch freie Plätze) , Treffpunkt 18 Uhr Parkplatz Römerstraße, Anmeldung erforderlich unter Telefon 07635/8080 (Bade- und Kurverwaltung)