Aus der Enge in die Freiheit

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Fr, 15. März 2019

Kunst

"Paris, Paris!" Die Städtische Galerie Karlsruhe zeigt Werke von Künstlern, die aus der Fächerstadt ins Mekka der Kunst reisten.

Was noch im 18. Jahrhundert Rom gewesen war: die wichtigste Kunstmetropole, das wurde gegen Mitte des 19. Jahrhunderts Paris. Bis dahin hatte als Künstler nur der etwas gegolten, der einmal die Ewige Stadt besucht und am besten einige Jahre in ihr gelebt hatte. Doch jetzt zog es Künstler aus aller Welt an die Seine. Nach der stadtplanerischen Umgestaltung durch den Baron Haussmann war die "Hauptstadt des 19. Jahrhunderts" (Walter Benjamin) nicht nur die modernste Metropole ihrer Zeit. Mit ihren reichen Kunstschätzen und dem Louvre, den renommierten Kunstschulen und den Salons, in denen über die neuesten Gemälde und Skulpturen diskutiert wurde, war sie so etwas wie das Mekka der Kunst.

Hier und in der näheren Umgebung entstanden einige der wichtigsten Strömungen der Moderne: von der Pleinairmalerei über den Impressionismus bis hin zum Fauvismus und Kubismus. Als globales Zentrum des Kunstgeschehens wurde Paris erst gegen Mitte des 20. Jahrhunderts von New York abgelöst. Auch für deutsche Künstler war ein Paris-Aufenthalt ein Muss. Besonders zahlreich pilgerten seit Mitte des 19. Jahrhunderts Maler und Bildhauer aus der badischen Residenzstadt Karlsruhe an die Seine. Für sage und schreibe 120 Künstler, die in der Fächerstadt Kunst studiert oder gelehrt hatten oder die mit Karlsruhe in anderer Weise verbunden waren, sind Aufenthalte in Paris belegt. Nicht selten währten sie Monate oder Jahre. Vierzig dieser Künstler stellt jetzt die Ausstellung "Paris, Paris! Karlsruher Künstler an der Seine 1850 – 1930" vor – mit Werken, die in Paris entstanden, Pariser Motive oder Einflüsse der an der Seine empfangenen Anregungen zeigen.

Einer der ersten Parisfahrer war Franz Xaver Winterhalter. 1805 in Menzenschwand geboren, wurde der hochtalentierte Künstler 1834 zum badischen Hofmaler ernannt. Ein Jahr später siedelte er nach Paris über – und feierte bereits im Folgejahr Erfolge in der jährlichen Präsentation des Pariser Salons. Es war der Beginn einer glanzvollen internationalen Karriere, in deren Verlauf er zum Porträtisten des Hochadels und europäischer Königshäuser avancierte. In der Städtischen Galerie ist Winterhalter mit einem frühen Selbstporträt und dem Gemälde "Der Decamerone" vertreten, für das er beim Salon von 1837 eine Medaille Erster Klasse erhielt.

Um 1852/53 besuchte Anselm Feuerbach, der sich wenige Jahre später in Karlsruhe niederließ, einen Kurs im Atelier des berühmten Malers Thomas Couture. "Nicht genug danken kann ich dem Meister, welcher mich von der deutschen Spitzpinselei zu breiter, pastoser Behandlung führte", wird er später notieren. Während deutsche Kunstschulen auf die Vermittlung starrer Regeln und das Abzeichnen antiker Statuen setzten, war die Kunstausbildung in Frankreich freier. Nach dem Vorbild Feuerbachs traten später zahlreiche Paris-Pilger aus Karlsruhe in namhafte Privatschulen wie die Académie Julian oder die Académie Matisse ein.

Hans Thoma besuchte 1868 den Louvre und das Musée du Luxembourg; prägend war für ihn die Begegnung mit Gustave Courbet. Der Landschaftsmaler Gustav Schönleber interessierte sich für Werke von Künstlern der Schule von Barbizon wie Corot und Millet; seine "Flusslandschaft" von 1874 ist eine Kopie nach einem Gemälde Charles-François Daubignys. Zahlreiche Bilder, Zeichnungen und Grafiken der Ausstellung haben Gemälde zum Vorbild, die die Künstler in Ausstellungen und Museen vor Ort sahen.

In Rudolf Levys wunderbarem "Akt mit überschlagenen Beinen" von 1906 mischen sich Einflüsse Cézannes mit denen von Matisse. Der noch immer zu wenig bekannte Künstler starb 1944 auf dem Transport nach Auschwitz. Otto Laible, von dem allein Dutzende Gemälde und Zeichnungen zu sehen sind, erstellte Skizzen nach van Gogh, Matisse oder Bonnard. Wie Karl Hubbuch hielt er auch das urbane Leben in den Gassen und auf den Boulevards, in den Cabarets und den Cafés fest – so im Café du Dôme am Montparnasse, dem Treffpunkt der deutschen Künstlerkolonie.

Anregungen nahmen aus Paris auch Wilhelm Schnarrenberger, Karl Hofer oder Karl Albiker mit nach Hause. Werke von Künstlerinnen fehlen nicht in der Schau; Alexandra von Berckholtz’ Porträtbild einer Adligen im Stile Winterhalters eröffnet sogar den Parcours. Als kleine Entdeckung möchte man die frühen Gemälde von Martha Kropp bezeichnen, die von 1908 bis 1914 in Paris lebte und bei Bonnard und Édouard Vuillard studierte.

Städtische Galerie Karlsruhe, Lorenz-str. 27. Bis 2. Juni, Mi bis Fr 10–18 Uhr, Sa, So 11–18 Uhr.