Kunst ist Politik

Andreas Rehnolt

Von Andreas Rehnolt (epd)

Do, 23. Mai 2019

Kunst

Die Düsseldorfer Kunstsammlung NRW zeigt die bisher größte Ausstellung von Ai Weiwei in Europa.

Die enge Verzahnung von politischem Engagement und künstlerischer Arbeit steht im Mittelpunkt einer großen Ausstellung mit Werken des chinesischen Künstlers Ai Weiwei, die die Kunstsammlung NRW derzeit in Düsseldorf zeigt. So hat der 61-jährige Künstler und Dissident in seinem sechsteiligen Werk "S.A.C.R.E.D." die Bedingungen seiner Inhaftierung in China verarbeitet. Die 81-tägige Einzelhaft 2011 in seinem Heimatland sei für ihn auch "eine religiöse Erfahrung" gewesen, sagte er bei der Präsentation der Ausstellung, die in den beiden Museumsgebäuden K20 und K21 zu sehen ist.

Als seine Mutter ihn nach der Haftentlassung fragte, was in den 81 Tagen passiert sei, habe er sich entschlossen, "die Situation zu zeigen, sonst kann das keiner verstehen, was dort mit einem geschieht", sagte der Künstler, der seit Jahrzehnten für Menschenrechte, Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst streitet. Er baute insgesamt – wie eine Art persönlicher Kreuzweg – sechs Stationen seines Alltags im Gefängnis nach. Der Gang zur Toilette, das Waschen, das Essen, das Schlafen, das Verhör und der Gang durch die Zelle, stets aufs Engste begleitet von zwei uniformierten Bewachern: All dies kann der Besucher in den Nachbildungen der Zelle durch Sehschlitze sehen.

In anderen riesigen Installationen setzt sich der Künstler mit der Situation von Flüchtlingen auseinander. Da ist etwa die 17 Meter lange Skulptur eines mit 110 Menschen dicht besetzten Schlauchboots, die aus Bambus und Sisalgras gefertigt wurde und den Titel "Life Cycle" (Kreislauf des Lebens) trägt.

Die Köpfe einiger Menschen sind chinesischen Tierkreiszeichen nachgebaut und symbolisieren laut Ai Weiwei den "Kreislauf des Werdens und Vergehens". Zu den Texten, die er dem Werk beigestellt hat, gehört auch ein Verweis auf den Bibelvers Hebräer 13, 2: "Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt!"

100 Millionen Sonnenblumenkerne

Die Installation "Waschsalon" besteht aus 40 Kleiderständern mit gut 2000 verschiedenen Kleidungsstücken, die Ai Weiwei nach der Räumung des Flüchtlingslagers Idomeni in Griechenland eingesammelt hat. Die meist verdreckten und oft zerrissenen Jacken, Hosen, Babystrampler, Kleider und Blusen hat der Aktionskünstler waschen und ausbessern lassen. Nun hängen sie im K21 und geben sauber und geflickt "den Menschen, die sie beim Beginn ihrer Flucht genau so getragen haben, auch ein Stück ihrer Würde zurück", wie der Künstler betonte.

Getreu seinem Credo "Everything is art. Everything is politics" (Alles ist Kunst. Alles ist Politik), hat Ai Weiwei mit der Direktorin der Kunstsammlung NRW Susanne Gaensheimer und weiteren Kuratoren die Schau zwei Jahre lang geplant. "Es ist die umfassendste Schau meiner Arbeiten, die jemals gezeigt wurde", stellte der Künstler fest. Einige seiner raumfüllenden Installationen sehe er erstmals als ganze und zusammen ausgestellt. So sind erstmals sämtliche Stahlstreben zu sehen, die Ai Weiwei nach dem Erdbeben am 12. Mai 2008 in Sichuan aus den zusammengestürzten Schulen geholt hat. Viele tausend Schulkinder waren ums Leben gekommen, weil zahlreiche Gebäude aufgrund von Korruption und Pfusch am Bau nicht erdbebensicher waren. In der Ausstellung sind die Namen aller ums Leben gekommenen Schulkinder dokumentiert. Dieses Werk war noch nie zuvor in Europa zu sehen.

Auf 650 Quadratmetern breitet sich im K20 zudem die gewaltige Installation "Sunflower-Seeds" aus. Sie besteht aus 100 Millionen handgefertigten und individuell bemalten Sonnenblumenkernen aus Porzellan und ist erstmals seit ihrer ersten Präsentation 2010 wieder vollständig zu sehen. Auch frühe, teils noch nie gezeigte Bilder von Aktionen des Künstlers seit den 80er-Jahren sind zu sehen. Mit seinen regimekritischen Äußerungen und als lange verfolgter Dissident wird der 1957 in Peking als Sohn des Dichters Al Qing geborene Ai Weiwei als Aktivist wahrgenommen. Seine Haltung wurde früh geprägt: Er verbrachte seine Kindheit und Jugend mit der Familie in der Verbannung in einem nordchinesischen Arbeitslager.

Kunstsammlung NRW, Düsseldorf,
Ständehausstraße 1. Bis 1. September,

Di bis Fr 10–18 Uhr, Sa und So 11–18 Uhr.