Den Tod ins Leben holen

Annette Mahro

Von Annette Mahro

So, 17. März 2019

Lörrach

Der Sonntag Das Palliativnetz Lörrach bietet Sterbenden eine ambulante Versorgung an.

Die Palliativversorgung will ein würdevolles Leben unheilbar Kranker bis zum Tod sicherstellen. Auch im Landkreis Lörrach gibt es dazu mehr und mehr Angebote.

Den Überblick zu behalten, ist nicht ganz einfach, finden sich vor Ort doch verschiedene Gruppen und Einrichtungen, die das Thema angehen. Es gibt stationäre wie auch – hier aber von medizinischen Laien betreute – ambulante Hospizangebote.

Seit einigen Wochen hat auch das Palliativnetz Lörrach seine Arbeit aufgenommen, das sich der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) verschrieben hat. Erstmals werden auch sogenannte "Letzte-Hilfe-Kurse" angeboten, in denen Angehörige lernen, Schwerstkranken und Sterbenden beizustehen und dem Tod zu begegnen.

Es gehe darum, den Tod gleichsam ins Leben zu holen, erklärt Pfarrerin Beate Schmidtgen, ins Leben der anderen. Die Pfarrerin und Leiterin der evangelischen Erwachsenenbildung Hochrhein-Markgräflerland sieht den Bedarf für einem ganzheitlichen Ansatz. Die Kurse bietet ihr Haus deshalb zusammen mit dem Lörracher Belchen-Institut an, das Weiterbildungen für Pflegeberufe anbietet.

Mit im Boot sind auch das Diakonische Werk und die Caritas. Die durch den norddeutschen Palliativmediziner Georg Bollig bereits 2008 konzipierten Kurse gehen von dem Grundsatz aus, dass nicht nur Erste Hilfe verpflichtend sein sollte, wenn sich Menschen in Not befinden, sondern ebenso die "Letzte Hilfe", wenn es ums Sterben geht.

"Wir versuchen, verschiedene Fragen zu beantworten", erklärt Schmidtgen, die die Kurse zusammen mit Rainer Böheim vom Belchen-Institut leitet, "etwa, was passiert, wenn ein Mensch stirbt und was kann man tun?" Selbstverständlich werde auch das Thema Trauer angesprochen. Erörtert würden aber auch ganz praktische Dinge, wie das Vermitteln pflegerischer Grundkenntnisse oder schließlich die Frage, was zu tun ist, wenn ein Mensch gestorben ist. Der Kurs richte sich an alle, die Interesse haben, gleich ob im Bezug auf Angehörige oder auf sich selbst. Wichtig ist bei allem die von vielen gewünschte Möglichkeit, nicht aus der gewohnten Umgebung gerissen zu werden.

Der Versorgung vor Ort und den damit einhergehenden medizinischen Aufgabenstellungen hat sich deshalb das Lörracher Palliativnetz verschrieben, das die sogenannte Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV) anbietet. Sie unterscheidet sich von der Allgemeinen Ambulanten Palliativversorgung (AAPV), die Allgemeinmediziner mit Zusatzausbildung anbieten und mit den Kassen auch abrechnen können. Immer dann, wenn die Anforderungen aber über die normale Versorgung hinausreichen, wenn etwa ein Patient starke Ängste oder Psychosen entwickelt, möglicherweise aggressiv wird und Angehörige massiv belastet sind, aber auch dann, wenn ein Patient beispielsweise mitten in der Nacht starke Tumorschmerzen bekommt, greift die SAPV.

Bisher sei in solchen Fällen oft der Notdienst alarmiert worden, der Patienten dann möglicherweise mangels anderer Alternativen ins Krankenhaus eingewiesen habe. Von dort kämen die Patienten bald wieder nach Hause, bis zum nächsten Notfall, erklärt der Weiler Facharzt für Allgemeinmedizin Mario Steffens. "Es ergibt sich ein Drehtüreffekt und die Menschen können nicht in Würde in vertrauter Umgebung sterben", so der Geschäftsführer des Palliativnetzes, dem derzeit sechs Ärzte und Ärztinnen und sieben Pflegekräfte angehören.

Aktuell betreuen sie 14 Patienten im gesamten Landkreis. Erreichbar ist das Palliativnetz rund um die Uhr. Viele Rückmeldungen kommen vonseiten der Kreiskliniken oder des onkologischen Zentrums, so Steffens. Hier gehe es darum, keine Versorgungslücken entstehen zu lassen.

Gewisse Situationen erfordern indes auch weiterhin eine stationäre Versorgung, so etwa aufwendige Begleittherapien, die zuhause nicht geleistet werden können. Aktuell verfüge sein Haus über fünf auf verschiedene Stationen verteilte Palliativbetten, erklärt der Chefarzt der Lörracher Kreiskliniken Hans-Heinrich Osterhues.

Ein eigener Schwerpunkt mit dann doppelt so vielen Betten ist erst für das neue Zentralklinikum vorgesehen. Dort soll es dann ein entsprechendes Umfeld und beispielsweise ausreichend große Zimmer geben, in denen gegebenenfalls auch Angehörige übernachten können. Selbstverständlich wünschte sich die Mehrheit der Betroffenen aber ein Sterben im gewohnten Umfeld, so Osterhues: "Wir sind deshalb auch sehr glücklich, dass im Kreis jetzt auch die SAPV zum Fliegen gebracht wurde."

Das Versorgungs-Puzzle setze sich so immer vollständiger zusammen. Viele Schmerztherapien ließen sich mit professioneller Unterstützung auch in der gewohnten Umgebung umsetzen. "Was wir wollen, ist ja, dass die Patienten entspannt einschlafen", so der Lörracher Klinikchef.

Mit Blick auf das immer dichter werdende Palliativnetz macht ihm nur der Eindruck etwas Sorge, dass auch das Sterben immer mehr delegiert werde. Beate Schmidtgens Ansatz, den Tod ins Leben der anderen zurückzuholen, steuert dagegen.
Infos zum Palliativnetz unter http://www.palliativnetz-loerrach.de und unter Telefon 07621/5770303.

Letzte-Hilfe-Kurse, Belchen Institut, Wiesentalstr. 27a, Lörrach. Dienstag, 26. März und 9. April, 18 bis 22 Uhr, Infos: http://www.belchen-institut.de Telefon 07621/9490822.