Krähen in der Stadt

MARKTPLATZ 11: Laut und schlitzohrig

Marius Alexander

Von Marius Alexander

Sa, 08. Mai 2021

Marktplatz 11

Für manche Zeitgenossen sind sie bloß furchteinflößendes, schrecklich krächzendes Federvieh. Das obendrein sämtliche Etagen unterhalb ihrer Nester mit weißen Kotspuren verunziert. Dabei zeigt es keine Spur von Respekt vor heiligen Blechkarossen noch vor schlendernden Zweibeinern. Für andere sind es höchst intelligente Vögel mit seidig glänzendem Gefieder − und einer Portion Schalk im Nacken, der seinesgleichen sucht. Die Rede ist von Krähen. Menschen, die sie am liebsten zumindest verjagen würden, ärgern sich beim Gang durch die Unterführung am Bahnhof über den Radau im Baum über ihren Köpfen. Mehr noch: In diesen Tagen vollführen die Vögel ein Spektakel. Hin und her, auf und ab, weg und wieder zurück geht die wilde Jagd. Wo, bitteschön, soll da irgend ein Reiz verborgen sein? Standortwechsel in die BZ-Redaktion am Marktplatz: Der Blick aus dem Fenster ist auf das Alte Rathaus gerichtet. Dort turnt auf der äußersten Kante der Regenrinne ein tollkühnes Exemplar. Immer wieder verschwindet es in der Rinne und taucht mit allen möglichen Gegenständen im Schnabel wieder auf. Am Ende mit einem handtellergroßen Stück abgeblättertem Ziegel. Mit Schmackes schleudert der Vogel den Stein auf den Marktplatz hinunter. Dort will eine ältere Dame mit ihrem Fahrrad davonrollen. Das Ziegelstück streift sie und landet geräuschvoll auf dem Pflaster. Die Frau reißt ihren Kopf nach oben, um den vermeintlichen Angreifer zu entdecken. Doch der dreht längst auf der nächsten Straßenlaterne gemächlich seine Runden.