Gefiederte Mitbewohner

MARKTPLATZ 11: Wer zuletzt lacht ...

Gerhard Walser

Von Gerhard Walser

Fr, 14. Mai 2021

Marktplatz 11

Hartnäckigkeit zahlt sich am Ende meist aus. Und wer zuletzt lacht, lacht bekanntlich am besten. Doch der Reihe nach. Vor vier Wochen hatten wir an dieser Stelle vom vergeblichen Brutgeschäft einer Amselfamilie auf dem Balkon des Autors berichtet. Nach dem emsigen Nestbau im Blumentopf direkt unterhalb dessen Lieblingsplatzes hatten die gefiederten Mitbewohner sichtlich genervt den Abflug gemacht und das Weite gesucht. Das Nest war verwaist, das zur Probe gelegte Ei blieb unbebrütet. Doch die pfiffigen Vögel gaben nicht auf und hatten offensichtlich einen siebten Sinn. Wenige Tage nach Beginn der rehabedingten Abwesenheit des Wohnungsbesitzers wagte die Amseldame einen neuen Versuch und füllte das Nest mit drei schwarz-gesprenkelten Eiern, die sie tapfer unter ihre Fittiche nahm. Die Zeit verging, die jungen Küken schlüpften und das Federkleid der Jungamseln wurde immer dichter. Der Amselvater sorgte zuverlässig für Nahrung, die Mutter für die nötige Nestwärme. Keine zwei Wochen zogen ins Land und die ersten verließen den sonnenbeschienenen Brutplatz. Am Tag der Rückkehr des Autors aus der vierwöchigen Kur war es fast geschafft – allein einen in den angrenzenden Verschlag geflüchteten Nesthocker galt es noch zu bemuttern. Ein scharrendes Geräusch aus dem Fallrohr der Regenrinne ließ an diesem Vormittag plötzlich nichts Gutes erahnen – da wird sich doch nicht der kleine Piepmatz hinein verirrt haben? Was tun? Ein Fall für die Feuerwehr? Den Handwerker-Notdienst beauftragen, damit er das Rohr aufschneidet? Dann die zündende Idee: Ein handwerklich geschickter Freund und Nabu-Vogelexperte könnte helfen. Mit Eisensäge und Hammer waren die Lötschrauben zwischen zwei Rohrstücken rasch geöffnet und die fragliche Stelle mit den Scharrgeräuschen freigelegt. Aus dem dunklen Gefängnis blickte ein sichtlich verschreckter Amselvater hervor. Er hatte sich wohl auf emsiger Nahrungssuche in das steile Regenrohr verirrt und ganz offensichtlich die Orientierung verloren. Er schüttelte sich und flog davon, um kurz darauf zurückzukehren mit einem fetten Wurm für den verzweifelt piepsenden hungrigen Junior im Schnabel, so als wäre überhaupt nichts gewesen. Ende gut, alles gut. Im dritten Anlauf.