Meghan greift die "Firma" an

Frank Herrmann und Agenturen

Von Frank Herrmann & Agenturen

Di, 09. März 2021

Panorama

Die Herzogin und ihr Ehemann werfen aus dem selbstgewählten Exil heraus dem britischen Königshaus Rassismus und Kälte vor.

. Schärfer hätte der Kontrast kaum ausfallen können. Herzogin Meghan, geborene Meghan Markle, sitzt in einem weißgepolsterten Korbsessel auf einer Terrasse, im Hintergrund blühendes Kalifornien, eine Landschaft wie in der Toskana. Ein Freund, so charakterisiert sie den namentlich nicht Genannten, habe das Anwesen, ganz in der Nähe ihres eigenen in Santa Barbara, zur Verfügung gestellt für ein Gespräch mit Oprah Winfrey, der Grande Dame der US-Talkshow. Etwa die Hälfte des Interviews ist geführt, da spricht Meghan in dem idyllischen Ambiente von Suizidgedanken.

Ihre Zeit in der britischen Königsfamilie, konfrontiert mit einer giftigen Boulevardpresse, hätte sie fast nicht überlebt, offenbart sie. Ein Jahr nach der Hochzeit mit Harry habe sie ihr Leben als so trostlos empfunden, dass sie daran gedacht habe, sich zu töten. "Ich habe mich geschämt, es Harry gegenüber einzugestehen. Und ich wusste, wenn ich es nicht sagen würde, würde ich es tun. Ich wollte einfach nicht mehr leben", sagt die Frau aus Los Angeles. "Das war ein sehr realer und klarer und angsteinflößender und ständig präsenter Gedanke."

Die Amerikanerin, die sich in einen Prinzen verliebte. Die die Weiten ihrer kalifornischen Heimat, auch die geistigen, gegen die kleine, oft kalte Welt der Royals eintauschte. Und die in diesem Umfeld dringend Hilfe brauchte und keine bekam: So ungefähr ließe sich zusammenfassen, was Meghan über ihre Erfahrungen mit der Krone zu berichten hat.

Zwei Stunden, opulente Werbepausen eingeschlossen, dauerte die Sendung mit Oprah. Der Kanal CBS soll Winfreys Produktionsfirma Harpo bis zu neun Millionen Dollar für die Rechte gezahlt haben. Entsprechend intensiv fiel die Reklame aus. Doch so bizarr der Rummel auf manchen gewirkt haben mag, Meghans Enthüllungen führen dazu, dass am Tag danach zumindest in Amerika vom spannendsten Royals-Interview seit 1995 die Rede ist. Damals hatte Prinzessin Diana dem BBC-Journalisten Martin Bashir erzählt, der wahre Grund für ihre gescheiterte Ehe sei Camilla Parker Bowles gewesen, die Geliebte ihres Mannes Prinz Charles: "Nun, wir waren zu dritt in dieser Ehe – deshalb war es ein bisschen überfüllt". Nun schildert Meghan eine Welt, in der einsam ist, dem es schlecht geht, und in der noch immer rassistische Ressentiments grassierten.

Zu der Zeit, als sie an Suizid dachte, habe sie Angst gehabt, allein zu sein, blendet die 39-Jährige zurück. Sie habe deutlich gemacht, dass sie sich in ärztliche Behandlung begeben müsse. Die Antwort sei ein Nein gewesen, mit der Begründung, dass es die Institution in ein schlechtes Licht rücke. Die Monarchie sei besessen davon, wie etwas aussehen, wie es wirken könnte, sagt Meghan. "Aber niemand hat gefragt, wie ich mich fühle."

Dann schildert die Tochter einer schwarzen Mutter und eines weißen Vaters, wie man sich in der Königsfamilie fragte, welche Hautfarbe ihr erster Sohn wohl haben werde. Offenbar aus diesem Grund habe man Archie keinen Prinzentitel verleihen wollen. Der Tradition nach würde ihrem Sohn in dem Moment, in dem sein Großvater Charles den Thron besteigt, ein königlicher Titel verliehen. In Archies Fall, so Meghan, habe man abweichen wollen von der alten Regel. Auf ihre Frage nach dem Warum habe es nie eine Antwort gegeben. Wem konkret die rassistischen Vorurteile zuzuschreiben waren, lässt sie im Ungefähren. Ihr Mann, später von Winfrey noch einmal gezielt darauf angesprochen, sagt, dies sei etwas, was er niemals mit der Öffentlichkeit teilen werde. Zugleich erinnert er daran, dass sich mehr als 70 Abgeordnete des britischen Parlaments über die "kolonialen Untertöne" in Artikeln über Meghan beschwerten. "Doch niemand aus meiner Familie hat in drei Jahren etwas dazu gesagt. Das tat weh."

Von seinem Vater Charles, so räumt er an anderer Stelle ein, fühle er sich im Stich gelassen. "Er hat etwas Ähnliches durchgemacht. Er weiß, wie sich Schmerz anfühlt." Nachdem er, Harry, klargemacht habe, dass er Großbritannien zum Wohle seiner Familie verlassen werde, sei sein Vater nicht mehr ans Telefon gegangen, wenn er angerufen habe. Später, nach seinem Wegzug nach Kanada, dem der Umzug nach Kalifornien folgte, habe er ihm die finanziellen Mittel gestrichen. Wie auch sein Bruder William, resümiert Harry, sei Charles gefangen im königlichen System.

Die Queen kommt bei alledem noch ziemlich gut weg. Meghan beschreibt sie als "wunderbar". Umso härter ins Gericht geht sie mit den Männern in grauen Anzügen, wie Lady Di den Hofstaat einst nannte, mit den Herrschern im Hintergrund, die den königlichen Haushalt führen: mit der "Firma". Zugleich malt sie aus, welch verheerende Rolle die Londoner Boulevardpresse spiele. Wie sie zur Zielscheibe wurde, erzählt sie am Beispiel eines Streits vor ihrer Hochzeit. Es ging um die Kleider der Blumenmädchen. Die Herzogin von Cambridge, mit bürgerlichem Namen Kate Middleton, habe sie deshalb zum Weinen gebracht. Die Sache sei ausgestanden, Kate habe sich entschuldigt, nur habe die britische Boulevardpresse den Fall Monate später zu ihren Lasten verzerrt. "Die brauchten ein Narrativ von einer Heldin und einer Schurkin", sagt Meghan und betont, dieses Kapitel sei in ihren Augen ein Wendepunkt gewesen, der "Beginn wahren Rufmords".

Irgendwann lässt die Ex-Hollywood-Schauspielerin fallen, dass sie und Harry bereits drei Tage vor der royalen Trauung im Mai 2018 im kleinstmöglichen Rahmen den Bund fürs Leben geschlossen haben. Nur er und sie – und der Erzbischof von Canterbury. Im Sommer erwarten beide ihr zweites Kind. Es wird, so darf Harry preisgeben, ein Mädchen sein.

Gegen Ende des Interviews bringt der Herzog von Sussex prägnant auf den Punkt, warum er jetzt mit seiner Familie an der Pazifikküste lebt. Er habe befürchtet, dass sich Geschichte wiederholen könnte. "Ich rede von meiner Mutter", betont er, auf den Unfalltod von Lady Di anspielend. Nur habe er die Lage für Meghan als noch gefährlicher empfunden, auch wegen der rassistischen Untertöne. Allerdings habe er sich geschämt, zuzugeben, dass Meghan Hilfe brauchte, fügt er hinzu. Das liege wohl an der Mentalität seiner Familie: "Es ist, wie es ist, du kannst es nicht ändern, wir alle haben das auch schon durchgemacht".

Aus dem Buckingham-Palast war am Tag nach der Ausstrahlung nur Schweigen zu hören. Die britische Anti-Monarchie-Bewegung "Republic" fühlt sich derweil in ihrer Forderung nach Abschaffung des Königshauses bestätigt: "Die Monarchie wurde gerade von der schwersten Krise seit der Abdankung (von King Edward VIII.) im Jahr 1936 erfasst." Das Interview zeige, dass die Monarchie "bis ins Innerste verfault ist und nicht die britischen Werte widerspiegelt". Die Schlagzeilen in britischen Zeitungen wurden dominiert von den Rassismus-Vorwürfen: "Das ist ein Makel, der bleiben wird", kommentierte Royal-Experte Peter Hunt. Dass die Monarchie ins Wanken gerät, erwartet man in den Kommentarspalten nicht. Königin Elizabeth II. habe schon so manchen Sturm überstanden.