Meine Lebenseinstellung wurde dadurch geprägt

Günter Lehner

Von Günter Lehner (Freiburg)

Mi, 13. Mai 2020

Leserbriefe

Meine Mutter und ich (geboren 1939) wurden einige Tage nach der Evakuierung Kehls am 23. November 1944 in das Bauernhaus der netten Familie Stehle eingewiesen. Mein Vater war zu dieser Zeit noch in Internierung in Dänemark.

Im April gab es plötzlich eine allgemeine Unruhe und lautes Rattern eines Panzers. Dahinter fuhren einige Mannschaftswagen durchs Dorf in Richtung der Ortskirche. Beim Bauernhaus stoppte ein Wagen, mehrere Soldaten weißer und brauner Hautfarbe fingen schreiende, gackernde Hühner ein und stopften sie in den Kasten des Wagens. Eine schwierige Situation erlebte ich nach dem Rauben der Tiere aus den Höfen beim Einmarsch der Franzosen, wohl um die Mittagszeit. Als ich durch die hintere Tür in die große, geflieste Küche unserer Hauswirte eintrat, wurde gerade der alte Mann des Hauses von zwei Soldaten hin- und hergestoßen und geschlagen. Ich stand wie erstarrt und wortlos etwas abseits.

Die Soldaten haben mich zunächst nicht bemerkt. Ich vermute, dass er gegen den Raub seiner Tiere protestiert hatte und die Soldaten deshalb so reagierten.

Ein total anderes, gutes Erlebnis hatte ich später wohl gegen Abend in der Scheune des Nachbarhauses der Familie Viellieber. Dort lagerten die marokkanischen Soldaten und bereiteten ihr Essen zu. Es bestand aus Fleisch mit Lamm oder Ziege und Salat aus Rote Bete. Dazu gab es Franzosenbrot. Wir neugierigen Kinder aus der näheren Umgebung durften mit ihnen essen und eine Zeit lang bei ihnen verweilen. Sie waren zu uns sehr freundlich.

Die gegensätzlichen Handlungen der Soldaten – die Brutalität gegenüber dem hilflosen, alten Mann und die Güte der Marokkaner gegenüber uns Kindern – haben meine spätere Lebenseinstellung und die zum Soldatentum nachhaltig geprägt. Günter Lehner, Freiburg