UNTERM STRICH: Die einfachen Dinge des Lebens

Patrik Müller

Von Patrik Müller

Fr, 07. Februar 2020

Kolumnen (Sonstige)

Ein Mann hat Google Maps ausgetrickst – mit Hilfe eines Bollerwagens / Von Patrik Müller.

Das Schöne an Computern ist, dass sie in Rekordzeit komplizierte Rechenoperationen erledigen können. Sie scheitern trotzdem oft an den einfachen Dingen des Lebens. Die Geräte erfüllen jedes Klischee, das es über Genies gibt. Der griechische Philosoph Thales von Milet soll in eine Grube gefallen sein, als er beim Herumwandeln zu den Sternen blickte. Von dieser zweieinhalbtausend Jahre alten Anekdote ist es nur ein kurzer Weg zu der nicht ganz so alten von dem Mann, der auf sein Navi vertraute und das Auto ins Wasser lenkte, weil die Fähre gerade mal nicht an der Mole vertäut war.

Seit einigen Tagen erfreut eine neue Geschichte uns Menschen, die wir alle keine komplizierten Rechenoperationen erledigen können und trotzdem oft an einfachen Dingen scheitern. Einem Berliner Künstler ist es gelungen, den Navigationsdienst Google Maps zu täuschen – und zwar mit einfachen Mitteln.

Simon Weckert lieh sich 99 Smartphones, legte sie in in einen Bollerwagen und zog mit dem durch die Straßen. Jedes Gerät übermittelte in Echtzeit seine Koordinaten an den Kartendienst. Und weil sich so viele Handys auf so wenig Platz so langsam bewegten, ging der Algorithmus davon aus, dass es sich da um einen Stau handeln müsse – und leitete Autofahrer um. Es gibt schöne Aufnahmen von Weckert, der seinen Bollerwagen durch ein ungewöhnlich autofreies Berlin zieht. Er trickste dabei etwas, er suchte sich ruhige Straßen. Die Nummer zog: Drei Millionen Menschen sahen sein Video bei Youtube. "Wir glauben, dass diese Karten uns die Realität anzeigen, und passen unser Verhalten an diese Realität an. Dabei gibt es diese Realität nicht", hat er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erzählt.

Die Geschichte ist tröstlich. Sie zeigt, dass es vielleicht doch etwas länger dauert, bis die Computer uns die Jobs komplett wegnehmen oder sogar merken, dass sie ohne uns besser dran sind. Die einfachen Dinge des Lebens machen einem ja oft einen Strich durch die schönen komplizierten Rechenoperationen.