UNTERM STRICH: Die Liebe in Zeiten der Zwiebel

Dominik Bloedner

Von Dominik Bloedner

Sa, 23. Mai 2020

Unterm Strich

Was man von Chinesinnen lernen kann – in emotionalen Krisen / Von Dominik Bloedner.

Der Liebe, diesem erhabenen Gefühl, das die von ihr Infizierten taumelnd vor Glückseligkeit durch die Weltgeschichte schickt, wird auch Unschönes nachgesagt. Dass sie blind mache, eine Krankheit sei, eine Seuche gar und dass das Unglück stets mitschwinge – vor allem dann, wenn sie nicht erwidert wird, wenn Zeiten und Umstände sie nicht zulassen oder wenn aus Liebenden Hassende werden.

Die einen, wie den jungen Werther in Goethes einstigem Bestseller, bringen ihre Leiden dazu, sich selber Ungutes anzutun. Die anderen wiederum sinnen auf Rache. Dieser wird wegen einer Stelle im Alten Testament gerne das Prädikat "süß" zugeschrieben. Später wurde aus der Rache Blutwurst (statt -durst), und heute, in diesen emotionalen Krisenzeiten, muss es heißen: Rache ist Zwiebel. Womit wir Bibel und Dichterfürsten hinter uns lassen und unsanft im gegenwärtigen China angekommen sind – jenem Land, in dem, wie man weiß, Gürteltiere verzehrt werden und das mit 25 Millionen Tonnen im Jahr weltgrößter Zwiebelproduzent ist.

Mehrere Tonnen davon waren für eine junge Dame namens Zhao aus der ostchinesischen Provinz Shandong bestimmt. Besser gesagt: für ihren Ex, der sie nach einem Jahr schmählich verlassen hat. Die Rachsüchtige bestellte im Internet eine ganze Ladung und ließ die muffelnde Fracht vor seinem Haus auskippen. Sie habe drei Tage lang geweint, nun sei er "an der Reihe", sagte sie laut des Portals Shandong Net. Der Mann fand die Reaktion seiner Ex-Freundin "überzogen", seine Nachbarn sind dem Vernehmen nach stinksauer über den Gestank.

Wir taumeln weiter, auf dem Río Magdalena in Kolumbien, und sagen Zwiebel-Zhao, dass es immer Hoffnung gibt, dass sich Schicksale wenden. In Gabriel García Márquez’ Roman "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" finden Florentino Arizas und die schöne Fermina Daza nach 50 Jahren noch zueinander. Sie lassen sich in selbstgewählter Quarantäne auf einem Dampfer treiben und hissen die Cholera-Flagge. So schön, man möchte weinen.