UNTERM STRICH: Die magische Kupferpfanne

Katja Bauer

Von Katja Bauer

Di, 03. Dezember 2019

Kolumnen (Sonstige)

Hunger schon bei der Abfahrt – wie ein tschechisches Zugrestaurant hilft / Von Katja Bauer.

Es soll seltsame Menschen geben, die von Reisen mit Proviantresten zurückkehren. Doch das Phänomen des entgleisenden Reiseappetits ist deutlich gängiger. Mit dieser sich ebenso vorübergehend wie zuverlässig einstellenden Anomalie lässt sich auch erklären, warum der ICE noch nicht mal ruckeln muss, bevor der erste Mitmensch das Abteil mit dem Duft eines hart gekochten Eis beglückt. Kinder rufen schon vor der Autobahnauffahrt von der Rückbank nach Essbarem. Auf Autobahnparkplätzen sieht man Trucker in Hockstellung über Gaskartuschen lauern, in den Pfannen spannt sich die Haut von Knackern im heißen Fett, daneben liegen dicke, gelbe Kartoffelstücke.

Wer sich durch die Welt bewegt, Strecke macht, der braucht anscheinend eine Art kulinarisches Gegengewicht zu diesem Zustand der Flüchtigkeit – eine Erdung. Es ist also nicht Lust am Leiden, die dazu führt, dass Menschen immer wieder die Bordgastronomie der Deutschen Bahn aufsuchen, sondern bitterer Ernst.

Hier kann einem alles passieren, und ein Rührei aus der Tüte ist dabei nicht das Problem. Neulich zum Beispiel kurz vor Stralsund im IC. Drei Damen vom Service, kein Gast. Der Grund leuchtet ein. Auf der Speisekarte ist fast alles mit Kugelschreiber durchgestrichen. Nichts wurde niemals geliefert, niemand weiß nichts. Kaffee? Kein Wasser. Ein Bier vielleicht? Kein Kühlschrank. Auf der Autobahn kann der Reisehungerjunkie rechts raus fahren. Aber in der Bahn?

Wie man Abhängige in Würde begleitet, das weiß hingegen die tschechische Bahn. Reiseglück ist es, den EC von Hamburg-Altona nach Prag zu besteigen. Magisch schimmert die kleine Kupferpfanne auf dem Herd der Restaurantküche, dahinter ein Teekessel. Der Koch bereitet eine Speise zu, draußen fliegt eine hügelige Landschaft vorbei. Rinderbraten mit Serviettenknödeln und Sahnesoße, Preiselbeeren drauf, alles auf dickem Porzellan, ein Bier vom Fass. Der Zug neigt sich leicht, der Kellner lächelt. Darf es noch etwas sein?