UNTERM STRICH: Fasse dich sinnvoll!

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mo, 11. Januar 2021

Unterm Strich

Ein Radioreporter will 24 Stunden lang dauertelefonieren / Von Alexander Dick.

"Fasse dich kurz!" Diese Aufforderung aus der Frühgeschichte des Telefonierens im Kasernenton hat im Flatrate-Zeitalter etwas geradezu Surreales. Abgesehen vom Schädigen eigener Geschäftsinteressen: Der Fernmeldebetrieb der Reichs- und später Bundespost handelte im Grunde genauso wie die grausamen Väter, die an die Wählscheibe ihres Privatanschlusses ein Zählwerk anbrachten oder – noch schlimmer – ein Schloss: Damit ihre Töchter und Söhne sich auch beim nahen Ferngespräch möglichst kurz fassten …

Daniel Danger alias Daniel Schlipf dürfte das alles nur noch aus Erzählungen oder Geschichts-Apps kennen. Der Moderator des WDR-Radiosenders 1Live ist 1985 geboren, in einer Zeit, da die Devise selbst bei der altehrwürdigen "grauen Post" schon "Ruf doch mal an!" lautete. Vermutlich hat er diesen Ratschlag so heftig verinnerlicht, dass der ihn nicht mehr losließ. Aus "mal" sind jetzt 24 Stunden geworden – so lange will Schlipf-Danger "locker" mit mindestens 500 Leuten am 21. Januar telefonieren, wie uns die Deutsche Presseagentur wissen lässt.

Der Sinn des Unterfangens ist eine Bestmarke im Dauer-Telefonieren, überwacht übrigens vom Deutschen Rekord-Institut. Wichtig dabei: Es soll sich jeweils um ein "sinnvolles Telefon-Gespräch" handeln – mit Hörern des Senders, die sich heute dafür bewerben können.

Bleibt die zentrale Frage: Ab wann ist ein Telefonat sinnvoll im Sinne von vernünftig oder durchdacht? "Hallo Daniel, toll, dass Ihr das macht. Wir lieben diese Aktion, tschüß, Deine Telekom." Was soll Daniel darauf erwidern? Will er mit mindestens 500 Leuten talken, muss er jedes Gegenüber knapp drei Minuten in der Leitung haben. 180 Sekunden lang Durchdachtes und Vernünftiges von sich zu geben, kann ganz schön anstrengend sein. Auch wenn der Vergleich hinkt: Donald Trump hat das beim Twittern so gut wie nie geschafft. Insofern drücken wir dem Telefon-Sportler Danger die Daumen – und denken wehmütig an das "Fasse dich kurz!"-Zeitalter zurück.