UNTERM STRICH: Japan goes Süddeutsch

Karl-Heinz Fesenmeier

Von Karl-Heinz Fesenmeier

Mo, 09. September 2019

Kolumnen (Sonstige)

Warum Nippons Regierungschef künftig anders heißen wird / Vom Fesenmeier Karl-Heinz.

Was haben der Dold Markus oder der Zirlewagen Franz aus dem Schwarzwald mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un und Chinas mächtigsten Mann Xi Jinping gemein? Es ist eine linguistische Besonderheit, nämlich die Stellung der Namen: Erst kommt der Familienname, dann der Vorname. Das hat viele Vorteile. Zum Beispiel den, dass man gleich weiß, mit wem man es zu tun hat. Die mit dem Zunamen verbundene Herkunftsbezeichnung kann nämlich – ähnlich wie bei landwirtschaftlichen Produkten – hilfreich sein bei der Frage nach der Vertrauenswürdigkeit. Markus kann jeder heißen, Dold aber nicht! (Die Namen sind übrigens rein zufällig gewählt.)

Diese familienpriorisierte Namensgebung gehört seit jeher zu den verborgenen Kongenialitäten von uns Süddeutschen, Österreichern und Schweizern diesseits der Erdkugel und Chinesen, Koreanern und – neuerdings wieder – Japanern jenseits derselben. Das Land der aufgehenden Sonne jedenfalls hat sich endlich seiner alten kulturellen Analogien zu uns (und anderen) besonnen und kehrt zur vor Mitte des 19. Jahrhunderts üblichen Reihenfolge in der Namensgebung zurück: erst die Familie, dann das Individuum. So hat es Japans Regierung jetzt beschlossen. Für den Regierungschef selbst hat das zur Folge, dass er nicht mehr Shinzo Abe heißt, sondern Abe Shinzo. Die neue Variante hört sich eindeutig netter an als die alte – das ergibt die deutsche Gegenprobe: Angela Merkel klingt kühl und distanziert. D’Merkel Angela hingegen irgendwie vertrauter und menscheliger. Und für die, die es gar knuffig wollen, gäbe es noch die Steigerungsform S’Merkel Angela.

Mit Nippons Namensreform verbindet sich jedenfalls auch die Hoffnung, dass die alten Kontrahenten Japan und China wieder näher zusammenrücken. Ja, dass der Xi Jinping und der Abe Shinzo sich eines Tages bei einem Viertele Reiswein einmal genauso so gut verstehen wie der Dold Markus und der Zirlewagen Franz bei einem Tannenzäpfle.