Mit der Realität aber hat er sich wohl nur am Rande beschäftigt

Dieter Seifried

Von Dieter Seifried (Freiburg)

Sa, 01. August 2020

Leserbriefe

Leider bietet die BZ Herrn Gerken zum wiederholten Male die Plattform, seine abstruse Theorie zu wiederholen, anstatt die Fakten zu betrachten: Mit dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz wurden seit dem Jahr 2000 die Grundlagen geschaffen, dass heute über 1,8 Millionen Solaranlagen zumeist auf Dächern jährlich rund 47 Milliarden Kilowattstunden Solarstrom erzeugt werden. Insgesamt wurden letztes Jahr 43 Prozent des Bruttostromverbrauchs über Erneuerbare Energien abgedeckt.

Zum Vergleich: Bei der Einführung des EEG betrug dieser Anteil etwa fünf Prozent. Zudem darf nicht übersehen werden, dass das deutsche EEG erst den weltweiten Boom an regenerativen Energiequellen ermöglicht hat. Es gibt kein erfolgreicheres Instrument der Energiepolitik als das EEG – und Herr Gerken möchte es abschaffen. Ja, das EEG gehört reformiert! Zum einen, weil die im Gesetz vorgesehenen Ausbaupfade für die Erneuerbaren nicht mit der Zielsetzung der Klimaneutralität bis 2050 zusammenpassen und viel zu langsam sind. Zum anderen, weil durch die ständigen Verschlechterungen des EEG, wie zum Beispiel Ausschreibungspflicht für Windkraftanlagen und größere Solaranlagen, Solardeckel, EEG-Abgabe für Eigenstromnutzung und immer neue administrative Hemmnisse, der Ausbau der Erneuerbaren systematisch behindert wurde und wird.

Strom ist in Deutschland über die Jahre teurer geworden, das ist offensichtlich. Gleichzeitig sind aber die Umweltschäden und Risiken durch die fossile und atomare Stromerzeugung deutlich gesunken. Diese Leistung ist den Erneuerbaren Energien zuzuschreiben. Ohne das EEG wäre heute die Stromerzeugung in der Hand von drei oder vier großen Konzernen. Kein rational denkender privater Investor würde ohne eine gesetzliche Einspeiseregelung eine Solar- oder Windkraftanlage bauen, in der Hoffnung, dass sich die Investition in den nächsten 20 Jahren über die Börsenstrompreise bezahlt macht. Durch das EEG sind heute weit über zwei Millionen Menschen an regenerativen Stromerzeugungsanlagen beteiligt und tragen zu einer Demokratisierung der Stromerzeugung bei.

Herr Gerken mag ein guter Modellökonom sein – mit energiewirtschaftlichen Zusammenhängen in der Realität hat er sich wohl nur am Rande beschäftigt. Sein Vorschlag, das EEG zugunsten des Emissionshandels abzuschaffen, kommt der Aufforderung gleich, das Klima weiter zu ruinieren. Dieter Seifried, Freiburg