Im Schatten der Türme

Rolf Müller

Von Rolf Müller

Mi, 10. Mai 2017

Südwest

BZ-SERIE "DIE SCHÖNSTEN FAHRRADTOUREN" (9): Mit dem Rad durch Rottweil und auf der Suche nach den Burgen am Neckar /.

Stadt der Türme nennt sich Rottweil nicht ohne Grund. Hochturm, Kapellenturm und Heiligkreuzmünster bestimmen seit Jahrhunderten die Silhouette der ältesten Stadt Baden-Württembergs. Seit zwei Jahren ist ein vierter Turm hinzugekommen, der Testturm für die Aufzugssysteme von Thyssen-Krupp, der mit 246 Meter Höhe selbst den Stuttgarter Fernsehturm in den Schatten stellt.

Recht bescheiden nimmt sich dagegen der fast 150 Jahre alte Bahnhof von Rottweil aus, der unmittelbar am Neckar liegt und Station der Gäubahn mit der IC-Verbindung Stuttgart–Zürich ist. Dort startet unsere abwechslungsreiche Rundtour "Burgen am oberen Neckar", die allerdings erst mal vom Neckar weg mit einer ordentlichen Steigung die Bahnhofstraße hoch ins Zentrum von Rottweil führt.

Verführt, kann man sagen, an allen Sehenswürdigkeiten der historischen Stadt vorbei: Links das Schwarze Tor, durch das an Fasnet 3000 Narren "d’ Stadt nab’ springen", rechts der Kapellenturm, mit seinem spätgotischen Figurenschmuck einer der schönsten Kirchtürme, vor uns das Heiligkreuzmünster. An einem nicht mehr ganz so schönen Einkaufscenter vorbei geht es weiter auf dem Neckartal-Radweg und in Richtung Oberndorf.

Nach einem ersten kurzen Stück Waldstück weiter über die B 27, nach rechts in ein Kleingartengelände und dann endlich hinunter zum Neckar, der seit dem Bahnhof ein halbes Dutzend Schleifen hinter sich gebracht hat und uns mit einem Naturschutzgebiet und einem kleinen Naturwunder erwartet. Gleich zwei Umlaufberge hat der noch junge Fluss hier geschaffen. Inzwischen macht er es sich etwas bequemer und mäandert nur noch um einen Berg, den Schlossberg, herum. Auf diesem sind bei genauem Hinsehen die Reste der Neckarburg zwischen den dicht an dicht stehenden Bäumen auszumachen. Von der 793 erstmals erwähnten Burg ist nicht mehr viel erhalten – und es soll auch die einzige bleiben, die auf unserer "Burgentour" vom Rad aus "en passant" auszumachen ist. Dabei hatte die Karte gleich sechs versprochen.

Dafür ist das Hofgut der Neckarburg gut erhalten und lädt mit seinem Biergarten von Freitag bis Sonntag zum Verweilen ein. Dort gibt es auch einen Wanderparkplatz, der von der B 14 aus Richtung Oberndorf zu erreichen und eine Alternative zum weniger schönen Bahnhofsparkplatz ist.

Als weitaus interessanter als die eher spärlichen Burgruinen erweist sich auf dieser Strecke des Neckartal-Radwegs das Zusammenspiel von Natur und Technik, von Mensch und Fluss.

Der zweite der beiden Umlaufberge, das "Bergle" kann mit einer der schönsten Wacholderheiden des oberen Neckartals aufwarten, die auch heute noch von Ziegen und Schafen freigehalten wird. Beide Berge zusammen bilden ein Naturschutzgebiet mit einer besonderen Fauna und Flora. Wenige hundert Meter weiter steht ein Wasserwerk – mit einem Trinkbrunnen für durstige Radler – für den Eingriff der Technik in die Natur. Weit mehr noch sticht die imposante Autobahnbrücke ins Auge, die das Neckartal überspannt und durchaus architektonischen Charme hat. An frühe Transporttechnik erinnert die nächste Station, ein kleiner Rastplatz mit dem Nachbau eines Floßes und einer Tafel mit historischen Fotos von der Neckar-Flößerei.

Ein Schweizer Eurocity rauscht in leichter Schräglage vorbei. Die Gäubahn, die von Rottweil bis hierher auf ziemlich gerader Strecke die Schleifen des Neckars geschnitten hat, folgt jetzt mehr oder weniger den Mäandern des Flusses. Was die gemütlichen drei Stunden Fahrzeit von Stuttgart nach Zürich und den Wunsch des Stuttgarter Verkehrsministers nach Neigezugtechnik erklärt.

Ein Stück weit wird der Radweg zur Kreisstraße, ehe er bei Talhausen die Bahn und den Fluss kreuzt, eine Weile auf der östlichen Seite Talseite entlangführt und erneut den Neckar überquert – nicht das letzte Mal.

Kurz vor Epfendorf, wo die Hälfte der Rundtour geschafft ist, verlässt unser Burgenweg den Neckartal-Radweg, quert ein vorletztes Mal den Fluss und führt durch das geschützte Tal der Schlichem und vorbei an der Schlichemklamm hinauf in Richtung Inzlingen. Zuvor würdigt eine Informationstafel die Leistungen der "Ziegen im Canyon des Neckars", die auch hier die Wacholderheiden gegen das Vordringen des Waldes verteidigen.

Der Aufstieg aus dem Schlichemtal mit rund 130 Höhenmetern ist der steilste Abschnitt der ganzen Tour. Irgendwo rechts im Wald verstecken sich mal wieder erfolgreich die Reste einer Burg, der Ruine Irslingen nämlich. Eine Bank lädt zur Rast ein. Der Blick reicht bis hinüber zur Schwäbischen Alb. Das rechts müsste der Dreifaltigkeitsberg sein, links einige der zehn Tausender von Balingen, wenn die Geografiekenntnisse noch stimmen.

Leichter Regen setzt ein, wohl ein Gruß der nahen Alb. Also schnell aufs Rad und weiter durch Irslingen, ein Stück parallel zur A 81, unter der Autobahn hindurch und an zwei Feldkreuzen vorbei, ständig auf und ab bis zu einer stark befahrenen Kreisstraße, die mit einem Rad- und Fußweg in Richtung Rottweil, vor allem aber in Richtung Testturm führt. Der unsere Blicke so sehr anzieht, dass wir die richtige Passage über die B 27 erst mal verpassen und umkehren müssen.

Doch auch der zweite Anlauf nützt nichts, der bislang gut ausgeschilderte Weg wirft auf den restlichen Kilometern immer wieder Rätsel auf. Wir irren ganz schön umher, ehe in Göllsdorf endlich wieder ein Schild in Richtung Rottweil weist und vor allem die Eisenbahnstrecke zu sehen ist. Die muss zurück zum Bahnhof führen. Über das Flüsschen Prim, unter der Bahn hindurch, ein allerletztes Mal über den Neckar – und der Bahnhof hat uns wieder.

Ein Blick auf die Uhr – es bleibt noch Zeit für einen Gang durch das historische Rottweil. Ein Bummel durch die Fußgängerzone, Hauptstraße zwischen Marktbrunnen und Schwarzem Tor, ein ausgiebiger Blick auf die Figuren des Kapellenturms und ein gründliches Studium des Infostandes mitten in der Stadt zum Thyssen-Krupp-Turm mit einer eindrucksvollen Zeichnung der geplanten spiralförmigen luftig wirkenden Fassade – hier treffen sich Vergangenheit und Zukunft.

Morgen lesen Sie:
Eine fürstliche Tour auf der Baar

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