Missbrauch durch Kirchenvertreter

Mit Entschädigungszahlungen allein ist es nicht getan

Christian Spitz

Von Christian Spitz (Bonndorf)

Fr, 20. März 2020

Leserbriefe

Zu: "Eine richtige Entscheidung", Tagesspiegel von Sigrun Rehm (Politik, 6. März)
Sexualisierte Gewalt begleitet die Menschheit durch die Geschichte über Kultur-, Religions- und Landesgrenzen hinaus in allen Lebenslagen. Die ernsthafte Annahme und Bearbeitung von Meldungen ehemaliger Schüler durch den damaligen Direktor des Canisiuskollegs Berlin, Klaus Mertes, vor zehn Jahren verlieh dem Thema ein öffentliches, sogar weltweites Sprachrohr. Teile der Gesellschaft trauen sich heute, offen darüber zu sprechen. Strukturen, die Missbrauch begünstigen, werden analysiert – eine große Errungenschaft! Denn davon leiten sich die bitter notwendigen Präventionsmaßnahmen in Familie, Schule, Freizeit, Kirche et cetera ab, damit sich so ein tief verletzendes und die Persönlichkeit angreifendes Ereignis möglichst nicht mehr wiederholen kann. Die sexuelle Orientierung der Täter spielt dabei übrigens eine untergeordnete Rolle.

Eine große Rolle für die Opfer spielt jedoch der Umgang mit ihnen von Seiten der verantwortlichen Institutionen. In diesem Kontext stehen die Entschädigungsleistungen an die Betroffenen zum Beispiel durch die katholische Kirche. Mit Entschädigungszahlungen alleine – so wichtig diese für jeden Einzelnen als Zeichen der Anerkennung und gegebenenfalls für notwendige Therapien auch sind – ist das Thema aber weder für die Beteiligten noch für künftige Generationen aus der Welt.

Zusätzlich sollte Geld in einen Fonds zur gemeinsamen Aufarbeitung und Vermeidung sexualisierter Gewalt investiert werden. Dies wäre aus Sicht der Opfer- und Täterseite sinnvoll. Voraussetzung dafür wäre die Bereitschaft zu einer intensiven, qualifizierten und zukunftsorientierten Beziehungsarbeit. Diese könnte für beide Seiten heilsam sein und zerstörtes Vertrauen wieder aufbauen helfen. In Bezug auf die katholische Kirche: Könnte nicht ein Teil der Kirchensteuern in diesen Fonds kontinuierlich nachfließen? Das wäre allemal nachhaltiger für alle Beteiligten als eine einmalig hohe "Ablasszahlung". Christian Spitz, Bonndorf