Südafrika

Mord, Brutalität und Lynchjustiz im Township

Johannes Dieterich

Von Johannes Dieterich

Sa, 02. April 2016 um 00:00 Uhr

Ausland

Raub und Mord gehören hier zum Alltag – genauso wie das Lynchen der Verbrecher: Ein Besuch im Johannesburger Township Diepsloot. Nichts für Zartbesaitete.

Diepsloot, samstagmorgens um sechs. "Steh’ auf", rüttelt mich mein Gastgeber wach: "Wir haben einen Mord in Section 1." Fünf Minuten später sitzen wir in Golden Mtikas klapprigem Toyota Tazz, auf dem Weg in den berüchtigtsten Teil des Slums, einem chaotischen Gewirr aus dicht beieinanderstehenden Wellblechhütten, durch die ungeteerten Gassen dazwischen fließt die Kloake.
Irgendwann wird die Buckelpiste selbst für den motorisierten Hüpfer des Johannisburger Journalisten zu eng: Die letzten hundert Meter gehen wir zu Fuß. Wortlos weisen uns die Anwohner den Weg zu einer kaum vier Quadratmeter großen Hütte, auf deren Tür die Nummer R 1119 gepinselt steht. Unter der Tür hat sich ein rotes Rinnsal den Weg ins Freie gebahnt. Um in die Hütte zu kommen, müssen die Polizisten erst einmal die Tür abmontieren: Denn drinnen liegt ein toter Körper auf dem Boden. Der spindeldürre Mann hat lediglich eine kleine Stichwunde unter dem rechten Schlüsselbein: "Verblutet", sagt der wortkarge Konstabler Segoa.
Mit Hilfe der vielen schaulustigen Nachbarn sind die letzten Minuten von Herald Moyo schnell rekonstruiert. Der 30-jährige Simbabwer muss seine Hütte um kurz nach fünf Uhr verlassen haben, um zur Arbeit zu gehen. Auf dem Weg durch den Slum wurde er von zwei Landsleuten attackiert, die es offensichtlich auf sein Geld und Handy abgesehen hatten. Vermutlich wehrte sich Herald und bekam daraufhin den Messerstich verpasst. Trotzdem gelang ihm mitsamt seinem Handy und mehreren 100-Rand-Noten in der Tasche die Flucht nach Hause. Dort brach er vor dem Bett zusammen.
Hätte die Polizei nicht eingegriffen, wäre der Räuber jetzt tot
Damit endet die Geschichte allerdings noch nicht. Anwohner bekamen einen der beiden Räuber zu fassen und schickten sich an, ihn so zu traktieren, wie Diepsloots Bevölkerung Verbrecher inzwischen behandelt: Sie schlagen sie halb tot, zünden sie dann an oder steinigen sie. Hätte die Polizei nicht eingegriffen, läge der Räuber jetzt als Opfer des Volkszorns neben seinem Landsmann Herald Moyo im geschlossenen Leichenwagen. So aber kauert er im vergitterten hinteren Teil von Konstabler Segoas Streifenwagen ...

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