Glyzinien-Alarm

MÜNSTERECK: Seid umschlungen

Simone Lutz

Von Simone Lutz

Do, 30. Juli 2020

Kolumnen (Sonstige)

Im Juli und August blühen sie wieder, die Glyzinien. Malerisch fallen blaue Blüten über grünes Laub, ein unwiderstehliches Fotomotiv. Die Konviktstraße verdankt ihnen den Ruf als romantischstes Gässlein Freiburgs, völlig zu Recht natürlich. Doch wer die Glyzinie kennt, verfolgt ihr Wachsen, Winden und Ranken mit Argwohn. Denn Glyzinien sind die Imperialisten unter den Kletterpflanzen, rücksichtslos und invasiv: Sie wachsen wie der Teufel, kapern Rankgerüste, lösen Dachziegel und schnüren Regenrohre ein. Wir kennen Balkone im Obergeschoss, denen eine Glyzinie von unten auf die Pelle rückt und die ein Dickicht wurden aus Blättern, Hölzern, Blüten. In Japan bauen sie sogar Brücken aus den dicken Schlingtrieben – ein Albtraum: Wenn man nicht schnell genug drüber kommt, wird man womöglich noch umschlungen und vervespert. Auch die Stadtredaktion befindet sich in permanentem Glyzinien-Alarm. Vom Martinsgässle hoch rankten sich Lianen am Dachterrassengeländer heran. Wer dort ein Päuschen machte, musste in angemessener Zeit wieder am Arbeitsplatz sein. Sonst hätten wir einen Suchtrupp losgeschickt, um den Kollegen zu befreien. Wenn nötig mit einer Machete. Nun hat sich jemand erbarmt und uns freigeschnitten. Wir vermuten: Es wird nicht lange dauern, bis wir den Mann mit der Heckenschere wiedersehen.