Mystik und Magie

Gabriele Schoder

Von Gabriele Schoder

Do, 14. Februar 2019

Kino

DRAMA: "Die Blüte des Einklangs" von Naomi Kawase.

Nur damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Ein Film muss weiß Gott nicht nur die Wirklichkeit abbilden. Mögliche Welten zu inszenieren neben und jenseits der real existierenden, ist ja gerade das Wesen der Kultur. Kino kann Naturgesetze aushebeln, Raum und Zeit transzendieren, Blinde sehend machen und Tote lebendig. Und wir sind bereit, ihm alles zu glauben, solange es nur glaubwürdig ist.

Wenn ein Film aber verrätselt scheint nur um des Effekts willen, wenn der Verdacht aufkommt, er wolle eher sich selbst etwas beweisen statt uns etwas zu bedeuten, dann folgen wir ihm nicht mehr gerne. So könnte es etlichen Zuschauern mit dem Naturdrama "Die Blüte des Einklangs" von Naomi Kawase gehen. Trotz seiner leuchtenden Bilder (Kamera: Arata Dodo) aus japanischen Wäldern, trotz der poetischen Atmosphäre, die er evoziert.

Eine Sinfonie in Blau und Grün

Anderen wiederum dürfte der Film ein knapp zweistündiges meditatives Erlebnis bescheren. Ja natürlich, er wird seine Fans finden, zumal die 1969 geborene Japanerin, ein Liebling der Filmfestspiele von Cannes, ja spätestens seit ihrem Drama "Kirschblüten und rote Bohnen" (2015) über die Magie des Kochens auch dem deutschen Publikum keine Unbekannte mehr ist. Und auch wer sie bisher noch nicht kannte, aber esoterisch angehauchte Filme wie Terence Malicks "The Tree of Life" liebt, wird an der "Blüte des Einklangs" seine Freude haben.

In "Vision", wie das Drama im Original heißt, ist es ein westeuropäischer Star, der die Zuschauer mitnimmt ins ferne, fremde Japan: Juliette Binoche, die französische Schauspielerin und Jurypräsidentin der derzeit laufenden Filmfestspiele von Berlin, gibt die Journalistin Jeanne, die für eine Reportage über die mysteriöse Heilpflanze Vision nach Asien kommt. In den undurchdringlichen Wäldern der Yoshino-Berge soll sie wachsen, der Legende nach nur alle 997 Jahre einmal blühen und die Menschen von allen Ängsten und Schwächen befreien. Das scheint Jeanne vor allem selbst zu brauchen, denn sie hat, wie Bildfetzen andeuten, einen schweren Verlust erlitten.

Auf der Suche nach der Pflanze begegnet sie Tomo (Masatoshi Nagase), der in den Wäldern zuhause ist, Bäume fällt und Bäume pflegt, ein Mann zwischen Motorsäge und Zärtlichkeit, ein west-östlicher Sinnsucher. Die beiden verlieben sich ineinander, und hier, in der ersten Hälfte, hat der Film seine schönsten, seine sinnlichsten Szenen, die Mensch und Natur in schweigender Innigkeit zeigen, in einer Sinfonie der Farbtöne in Blau und Grün, in der Blüte des Einklangs.

Jeanne muss nochmal nach Frankreich, und als sie zurückkommt, wird der Film immer mysteriöser. Warum ist Rin (Takanori Iwata) aufgetaucht, wer ist er und in welcher Beziehung steht er zu dem Paar und zur Pflanze Vision? Dass deren Blüte unmittelbar bevorsteht, wusste die blinde alte Aki (Mari Natsuki), die geradezu überdeutlich als Seherin inszeniert wird, schon seit einer Weile, sie hat die Zeichen der Natur gedeutet und Jeanne erwartet...

Leider scheint Kawase Geheimnis und Bildkraft ihrer eigenen Rätsel nicht ganz zu trauen. Mystische Momente aber werden flach, wenn man ihnen eine Lese- und Gebrauchsweisung beifügt: Floskeln wie "Ich sehe mit dem Herzen" oder "Es ist gerade die Sprache, die uns Menschen daran hindert, einander zu verstehen" nehmen dem Drama viel von seinem Zauber. Schade um seine Magie, schade um seine Vision. Und um die Schönheit der japanischen Natur.

"Die Blüte des Einklangs" (Regie: Naomi Kawase) läuft in Freiburg. Ab 12.