Die Angst wächst

Tobias Käufer

Von Tobias Käufer

Di, 24. März 2020

Ausland

Ob die Subsahara-Region, Asien oder der Nahe Osten – überall sorgen sich die Menschen, dass sich das Coronavirus verbreitet.

Das Coronavirus macht vor keinem Land halt. Besonders verheerend ist es für Bürger ärmerer Länder. Mangelnde Gesundheitsversorgung, drangvolle Enge in den Slums, Hunger und schlechte Ernährung, Kriege und Flucht, aber auch ignorante Herrscher bedrohen Millionen Menschen. Ein exemplarischer Blick auf verschiedene Kontinente:

SÜDAMERIKA

» Venezuela
Die Hospitäler in Venezuela gelten als die am schlechtesten ausgerüsteten auf dem ganzen Kontinent. Es fehlt an den einfachsten Dingen wie an sauberer Wäsche und Handschuhen, aber auch an Ärzten und Pflegepersonal; Letztere sind vor Jahren schon aus dem Land geflohen wegen der schlechten Bedingungen. Sollte Venezuela die Pandemie mit voller Wucht treffen, es wäre wohl das Todesurteil auch für jene Patienten, die unter normalen Umständen eine Überlebenschance hätten. Noch dazu spricht die Regierung des sozialistischen Machthabers Nicolás Maduro von knapp 80 Infektionsfällen. Oppositionsführer und Parlamentspräsident Juan Guaidó dagegen sagt, ihm seien mindestens 200 Fälle bekannt; Tendenz: steigend. Was Venezuela zugutekommt: Die Tourismusindustrie ist praktisch komplett zusammengebrochen; viele Touristen können das Virus nicht einschleppen.
» Brasilien und andere
Vor allem in den riesigen Favelas in Brasilien, deren Gesundheitsversorgung ohnehin ungenügend ist, verfolgen die Menschen die Nachrichten mit großer Sorge. Nach offiziellen Angaben sind bislang 1300 Menschen in Brasilien infiziert, über ein Dutzend sind gestorben. Weil der rechtspopulistische Präsident Bolsonaro von einem "Grippchen" spricht, ergreifen immer mehr lokale und regionale Politiker die Initiative und verhängen Ausgangsbeschränkungen und andere Schutzmaßnahmen. Auch häufen sich Berichte darüber, dass lokale Gangs in den Favelas eigenständig Ausgangssperren verhängen.

Ignorant gebärdet sich auch Mexikos linkspopulistischer Präsident Andrés Manuel Lopez Obrador, der noch vor Tagen Kleinkinder küssend sowie Hände schüttelnd durchs Land zog. Vom ersten Tag an knallhart ging dagegen El Salvador gegen die Krise vor. Das mittelamerikanische Land verhängte früh Einreisesperren, Schulschließungen und Ausgangsbeschränkungen; bislang sind erst wenige Infizierungen offiziell festgestellt.

AFRIKA

Südafrika und Subsahara
Aus dem südlich der Sahara gelegenen Erdteil wurden bislang weniger als 0,5 Prozent aller Infizierten dieser Welt gemeldet. Dass es so bleiben wird, ist aber unwahrscheinlich. Immerhin: Zahlreiche Regierungen des Kontinents haben bereits Notstandsgesetze, Einreiseverbote und Ausgangsbeschränkungen erlassen. Diese Einschränkungen lösen in Afrika keine grundsätzliche Debatte aus: Dort ist es anders als in Europa oder Nordamerika selbstverständlich, Persönlichkeitsrechte dem Gemeinwohl zu opfern. Jüngst wurde in Südafrika eine Frau festgenommen, die sich trotz positiven Corona-Tests nicht in Isolation begeben wollte. Sie stellte sich als deutsche Staatsbürgerin heraus. Der Vorfall wurde in den sozialen Netzwerken mit Entsetzen quittiert. Allerdings kursiert in Afrika noch die Auffassung, bei der Infektion könne es sich um eine "weiße" oder zumindest "nicht afrikanische" Erkrankung handeln. Der Irrglaube löst sich aber mit jedem neu gemeldeten Infektionsfall langsam auf. Forscher der Johannesburger Witwatersrand-Universität haben für Südafrika ausgerechnet, dass sich dort in den nächsten 40 Tagen eine Million Menschen anstecken könnten. Nachdem er vergangene Woche den Katastrophenzustand ausgerufen hat, hat Präsident Cyril Ramaphosa am Montagabend erwartungsgemäß eine Ausgangssperre verhängt.

Der wohlhabende Teil der Bevölkerung Südafrikas, eine Minderheit, hat sich bereits in ihre Villen zurückgezogen, wo sie online mit ihrem Büro verbunden sind, Netflix schauen und sich im hauseigenen Schwimmbad abkühlen. Dagegen fühlen sich Ausgangsbeschränkungen für die 14 Millionen Slumbewohner anders an. Sie haben keinen Internetzugang, leben mit bis zu acht Familienmitgliedern in zweiräumigen Blechhütten. Hinzu kommt, dass Vater oder Mutter höchstens in der "informellen Ökonomie" tätig sind, also ohne festen Arbeitsplatz. An jedem Tag, an dem sie nicht arbeiten, gibt es auch kein Geld für die Familie.

Naher Osten

» Palästina
Am Samstag hatte die palästinensische Autonomiebehörde eine zweiwöchige Ausgangssperre verhängt. Von Sonntagabend an müssten sich die Menschen an eine verpflichtende Quarantäne halten und dürften ihre Häuser nicht mehr verlassen. Die Ausgangssperre gilt demnach nicht für Mitarbeiter im Gesundheitswesen sowie von Bäckereien, Apotheken und Lebensmittelgeschäften. "Bewohner von Dörfern und Flüchtlingslagern ist es nicht erlaubt, in die Stadtzentren zu pendeln", heißt es laut der amtlichen Nachrichtenagentur Wafa in der Verordnung.

Im von Israel besetzten Westjordanland gibt es 57 nachgewiesene Infektionsfälle mit dem neuartigen Coronavirus. Inzwischen wurden auch zwei Fälle in dem von der radikalislamischen Hamas regierten Gazastreifen gemeldet. Als Maßnahme zur Eindämmung des Virus hatte Israel das Westjordanland am vergangenen Mittwoch in Abstimmung mit der palästinensischen Autonomiebehörde abgeriegelt.
Syrien
Als eines der letzten Länder in der arabischen Welt hat auch Syrien seinen ersten Coronavirus-Fall gemeldet. Betroffen davon sind die Gebiete unter Kontrolle der Regierung. Diese hat inzwischen alle Schulen geschlossen und auch den öffentlichen Transport gestoppt. In dem wirtschaftlich geschwächten Bürgerkriegsland herrscht große Sorge: Vor allem unter den Hunderttausenden Vertriebenen in den verbliebenen Gebieten unter Kontrolle von Regierungsgegnern könnte ein Ausbruch verheerende Folgen haben. Allein seit Anfang Dezember ist nach UN-Angaben fast eine Million Menschen im Nordwesten Syriens vor Kämpfen und Bombardierungen Richtung Grenze der Türkei geflohen. In den dortigen Rebellengebieten herrscht große humanitäre Not. Es fehlt an Essen, Unterkünften, Heizmaterial, aber vor allem an medizinischer Versorgung. Viele Kliniken wurden bei Luftangriffen Syriens oder seines Verbündeten Russland beschädigt und sind außer Betrieb. Die Kontakte zwischen den Gebieten der Regierung und der Rebellen sind jedoch sehr begrenzt.

ASIEN

» Myanmar und Kambodscha
Südostasien hat große Probleme bei der Bekämpfung des Coronavirus, weil autoritäre Regierungen dessen Existenz lange ignoriert haben. So besteht die Regierung von Myanmar darauf, dass sich in dem Land bislang niemand mit dem Virus angesteckt hat. Zugleich hat De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi die Bevölkerung aufgerufen, Geld für einen staatlichen Fonds zur Bekämpfung der vom Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 zu spenden. Vor allem in ländlichen Gebieten und Grenzregionen fehlen Test-Kits und andere Ausrüstung. Erschwerend kommt hinzu, dass blutige Konflikte im Westen, Norden und Nordosten des Landes wüten, wo die Menschen ohnehin bedroht sind und in Armut leben.

Auch Kambodscha hat die Corona-Gefahr lange heruntergespielt. Mittlerweile räumten die Behörden mindestens 37 Fälle ein – Einheimische wie Ausländer. Die meisten der infizierten Kambodschaner sollen Angehörige der muslimischen Minderheit sein, die Ende Februar an einer Massenversammlung der islamischen Missionsbewegung Tablighi Jamaat nahe Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur teilgenommen hatten. Wie viele der Teilnehmer, die aus anderen Staaten Südostasiens angereist waren, sich angesteckt haben, weiß derzeit niemand.