Gedenken

Die Wunde Srebrenica ist nicht verheilt

Gregor Mayer

Von Gregor Mayer (dpa)

Sa, 11. Juli 2020 um 12:12 Uhr

Ausland

Vor 25 Jahren begingen bosnisch-serbische Truppen ein Massaker an wehrlosen Muslimen: 23.000 Frauen und Kinder wurden deportiert, mehr als 8.000 Männer und Jungen ermordet.

Als die Truppen des bosnisch-serbischen Generals Ratko Mladic am 11. Juli 1995 in die ostbosnische Muslim-Enklave Srebrenica einrückten, fielen kaum Schüsse. Die Männer in dem zur UN-Schutzzone erklärten Gebiet hatten kaum Waffen. Die niederländischen UN-Truppen ("Blauhelme") in ihrer Basis Potocari am Ortseingang von Srebrenica forderten Luftunterstützung der Nato an. Sie kam nicht – abgesehen von der symbolischen Bombardierung eines einzigen Panzers der Eroberer.

Mladic diktierte dem vor Angst schlotternden Oberst Thomas Karremans, Kommandeur des UN-Bataillons, vor laufenden Kameras des serbischen Fernsehens die Bedingungen seiner Kapitulation. Die "Blauhelme" assistierten bei der Deportation von 23.000 Frauen und Kindern, ehe sie abziehen durften.

Zugleich begann am 11. Juli 1995, im vierten und letzten Jahr des Bosnienkriegs, der erste Völkermord auf europäischem Boden seit 1945. Mladic und Radovan Karadzic, Führer der bosnischen Serben, hatten – unterstützt vom serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic – ihren Plan nie verhehlt. Die "Türken", wie sie die Muslime in den ostbosnischen Enklaven verächtlich nannten, standen ihrem "Groß-Serbien" mit "ethnisch reinen" serbischen Territorien in weiten Teilen des Vielvölkerstaats Bosnien im Wege.

Die 15.000 Männer und männlichen Jugendlichen in der Enklave wussten, welches Schicksal ihnen drohte. Noch am 11. Juli machten sich die meisten von ihnen zu Fuß auf den Weg, um sich durch Berge und Wälder ins 100 Kilometer entfernte Tuzla durchzuschlagen. Jene Männer und Jugendlichen, die zögerten, wurden von Mladic’ Truppen gleich in Potocari und Umgebung erschossen.

Noch heute werden Leichenteile ausgegraben

In den folgenden Tagen eröffnete die Mladic-Armee eine Treibjagd auf die Fliehenden. Die meisten ergaben sich, wenn sie auf bosnisch-serbische Soldaten stießen. Sie wurden gefesselt und abgeführt. Wenig später wurden sie auf Wiesen, Feldern, in Ställen oder Lagerhallen erschossen. Ihre Leichen verscharrte man in schnell ausgehobenen Massengräbern.

Wochen später grub man sie aus, um sie anderswo in der bosnischen Serbenrepublik (Republika Srpska) zu vergraben. Die Spuren sollten verwischt werden. Mehr als 8000 Männer und Jugendliche wurden umgebracht. Heute noch werden Leichen und Leichenteile gefunden. Auch am 25. Jahrestag des Verbrechens von Srebrenica wird man sterbliche Überreste von Opfern im Rahmen des Gedenkens in Potocari beisetzen.

Das Internationale Jugoslawien-Tribunal in Den Haag hat die Morde von Srebrenica in mehreren Urteilen als Genozid bewertet. Tatsächlich hatte Mladic die gesamte muslimische Bevölkerung von Srebrenica vertreiben oder ermorden lassen. 2017 verurteilte das UN-Tribunal den heute 77-Jährigen wegen Srebrenica und anderer Verbrechen zu lebenslanger Haft. "Sie zählen zu den abscheulichsten, die die Menschheit je gesehen hat", befand Richter Alphonse Orie. Im Herbst steht die Berufungsverhandlung an. Im Bosnienkrieg (1992-1995) begingen alle Seiten Kriegsverbrechen, die serbische Seite ging besonders grausam vor.

25 Jahre später zeigt sich bei den politischen Eliten in Serbien und in der Republika Srpska wenig Schuldeinsicht – trotz der akribisch begründeten Haager Urteile. "Es ist eine Situation der durchgängigen Genozid-Verleugnung", sagt Emir Suljagic, Direktor des Gedenkzentrums in Potocari. Er ist selbst Überlebender des Massakers von Srebrenica. Als 19-Jähriger war er Dolmetscher bei den "Blauhelmen" und durfte mit ihnen die Enklave verlassen. Später studierte er Politikwissenschaften, wurde Journalist. Sein Buch "Srebrenica – Notizen aus der Hölle" zählt zu den eindringlichsten Zeitzeugen-Berichten, die vom Leiden und Sterben im belagerten und eroberten Srebrenica künden.