Kämpferin gegen die Korruption

Frank Herrmann

Von Frank Herrmann

Sa, 06. April 2019

Ausland

Chicago wählt erstmals eine schwarze Frau zur Bürgermeisterin / Seiteneinsteigerin in die Politik.

WASHINGTON. "Die Bürger", jubelte Lori Lightfoot, "sehen eine Stadt, in der es egal ist, welche Hautfarbe man hat. In der es egal ist, wie groß man ist. Und wo es egal ist, wenn man liebt." Die 56-jährige Lightfoot hat dunkle Haut, ist klein gewachsen und lebt in einer lesbischen Beziehung. In der Nacht zum Mittwoch hat sie Geschichte geschrieben. Zum ersten Mal haben die Bürger Chicagos eine schwarze Frau ins Chefzimmer ihres Rathauses gewählt.

Schwarze Bürgermeister gab zwar schon. Der erste war Harold Washington, dessen Sieg 1983 eine Aufbruchsstimmung erzeugte, die auch einen gewissen Barack Obama motivierte, als Sozialarbeiter in die Metropole am Michigansee zu ziehen. Lightfoot aber ist nicht nur die erste Afroamerikanerin an der Spitze der drittgrößten Stadt der USA, sondern auch die erste offen homosexuelle Politikerin.

Die Stichwahl gewann sie mit 74 Prozent der Stimmen, womit sie ihre Konkurrentin, ebenfalls eine Afroamerikanerin, deklassierte. Dabei hatte sie nahezu chancenlos gewirkt, als sie vor Monaten ihren Hut in den Ring geworfen hatte: eine Seiteneinsteigerin in einer Stadt der Seilschaften. Richard J. Daley war von 1955 bis 1976 der Mayor, sein Sohn Richard M. Daley von 1989 bis 2011. Auf die Familiendynastie folgte Rahm Emanuel, der als Stabschef Obamas gearbeitet und natürlich vom Beziehungsgeflecht seiner demokratischen Partei profitiert hatte.

Lightfoot, obwohl selber Demokratin, trat an als Rebellin im Kampf gegen das Establishment. "Wir können und werden aus dem endlosen Teufelskreis der Korruption ausbrechen", rief sie ihren Anhängern in der Wahlnacht zu. "Wir werden es Politikern nie wieder gestatten, von ihren Ämtern zu profitieren."

Wegen Korruption musste vor Kurzem der dienstälteste Ratsherr Chicagos, Edward Burke, sein Amt aufgeben. Als Burger King um grünes Licht für die Erweiterung eines Restaurants im Wahlkreis Burkes gebeten hatte, hatte er verlangt, die Fast-Food-Kette müsse im Gegenzug seiner Anwaltskanzlei Aufträge geben. Nun drohen ihm bis zu 20 Jahre Haft.

Im Duell um den Bürgermeisterposten hatte sich Burke hinter Toni Preckwinkle gestellt, im Finale die Kontrahentin Lightfoots. Damit ordneten etliche Wähler Preckwinkle, ob zu Recht oder Unrecht, dem Filz ihrer Stadt zu. Die Juristin Lightfoot wiederum hatte sich einen Namen gemacht, als sie eine Taskforce leitete, die Polizeiübergriffe gegen – zumeist junge – Schwarze untersuchte. In Chicago, dessen Bevölkerung zu etwa einem Drittel aus Afroamerikanern besteht, rangiert das Thema weit oben, gleichauf mit den Bandenkriegen in den Problembezirken. Lightfoot hat nun nicht nur angekündigt, das Police Department umzukrempeln. Sie will auch zusätzliche Mittel in Stadtviertel schleusen, die im Schatten der Glitzerfassaden der Downtown liegen.