"Großartige Ergänzung unserer Bestände"

René Zipperlen

Von René Zipperlen

Fr, 14. Februar 2020

Kunst

BZ-INTERVIEW mit Christine Litz und Isabel Herda vom Museum für Neue Kunst in Freiburg über eine Hamburger Schenkung.

Das Museum für Neue Kunst in Freiburg stellt am heutigen Freitag eine neue Schenkung vor: Die Hamburger Juristin Gabriele Rauschning überließ dem Haus ihre Sammlung mit 150 Druckgrafiken. Mit Direktorin Christine Litz und Isabel Herda, die die Graphische Sammlung verantwortet, sprach René Zipperlen.

BZ: Was umfasst die Sammlung Rauschning, deren 150 Grafiken das Museum für Neue Kunst heute vorstellt, was zeichnet sie aus?
Herda: Gabriele Rauschning hat über 40 Jahre hinweg gesammelt, meist sehr große, qualitätvolle Namen. Sie begann im 19. Jahrhundert mit Manet oder Corinth, bevor sie die Klassische Moderne und die Nachkriegskunst für sich entdeckte. Einen Schwerpunkt bildet die Druckgrafik der Brücke-Künstler Erich Heckel und Max Pechstein, auch Max Beckmann war einer ihrer Favoriten. In der Sammlung finden sich aber auch etliche Blätter von Gerhard Altenbourg, ein international geachteter Künstler der DDR, den sie besonders schätzte.
BZ: Was sind für Sie Höhepunkte?
Herda: Sicher gehört Beckmann dazu, den wir gerade im Haus der Graphischen Sammlung zeigen. Auch Pechsteins Südsee-Holzschnitte kommen zu einem sehr passenden Zeitpunkt, da wir uns gerade mit Inspirationen von Künstlern Anfang des 20. Jahrhundert beschäftigen. Einige jüngere Werke bieten auch gute Anknüpfungspunkte an Künstler unserer Sammlung, etwa mit Julius Bissier. Und wir freuen uns darauf, weitere Höhepunkte zu teilen, wenn wir mehr mit der Sammlung arbeiten.
BZ: Wie kommt die Sammlung aus Hamburg gerade nach Freiburg?
Herda: Als ich Gabriele Rauschning kennenlernte, zeigte sie mir bei sich zuhause bereits etliche Werke. Ich wusste, dass sie einen Ort sucht, an den sie die Sammlung geben konnte. Das neue Haus der Graphischen Sammlung mit seiner hervorragenden Infrastruktur aber auch das Museum für Neue Kunst als lebendiger Ort der Kunst waren für den Zuschlag ganz entscheidend. Sie wollte ihr Vermächtnis mit der Zukunft des Hauses in Freiburg verknüpfen.
Litz: Eine solche Schenkung ist etwas Großartiges: Was man einem Museum schenkt, gehört plötzlich allen. Das geht aber auch mit der Verpflichtung des Museums einher, gut mit ihr zu arbeiten. Durch das neue Haus der Graphischen Sammlung sind wir super aufgestellt. Das zieht auch Interessenten an.
BZ: Kann Rauschnings Sammlung auch Lücken des Museums schließen?
Litz: Eine Museumssammlung hat immer große Lücken. Wir denken aber lieber in Stärken und Netzwerken. Und da werden unsere Bestände expressionistischer Druckgrafik auf großartige Weise erweitert.
BZ: Es soll eine Ausstellung zur Sammlung geben. Wie kommt es, dass Sie so viele externe Sammlungen präsentieren?
Litz: In der Reihe "Freundschaftsspiel", lassen wir stets eine externe Sammlung unserer eigenen begegnen. Das erweitert den Blick auf den Bestand, weil sich neue Kontexte und Entdeckungen ergeben. Ich wurde auch schon von anderen Institutionen angesprochen, dieses Konzept zu erklären. Unsere eigene Sammlung ist das Herz des Museums, sein Elixier, sie macht uns einzigartig. Was wir hier haben, kann man nirgendwo anders sehen. Im April zeigen wir zum Beispiel die fast vergessene Freiburger Bildhauerin Priska von Martin, deren Nachlass wir verwalten. Diese Wiederentdeckung können wir allein aus unseren Beständen gestalten. Auch die Idee zur aktuellen Scherer-Ausstellung kommt aus der Sammlung. Es ist uns ein großes Anliegen, zu bestimmten Themen mit der Sammlung zu arbeiten: Das erlaubt immer wieder neue Entdeckungen und erschließt andere Kontexte.
BZ: Aus eigener Kraft konnte Ihr Haus lange nichts mehr zur Sammlung beitragen, weil der Einkaufsetat bei Null lag. Als sie 2012 kamen, teilten sich fünf Häuser 10 000 Euro und Sie warnten, ein Museum dürfe kein Mausoleum werden.
Litz: Ja, aber nun sind es 100 000 Euro, wenn auch für alle fünf. Damit können wir wieder arbeiten. Dazu kommt die großartige Unterstützung unseres Fördervereins. Wenn gar nichts mehr hinzukäme, wäre das ein Problem. Ein Museum ist auch Ort gesellschaftlicher Debatten.
BZ: Welche Möglichkeiten bietet Ihnen Ihr Etat?
Litz: Wir versuchen, unsere Stärken zu stärken. Mit unserem Teil des Etats haben wir im letzten Jahr eine Installation wunderbarer Glasmalerei von Christina Olmer angekauft und eine ganz fantastische, fünfteilige Serie von Susi Juvan aus Freiburg, ein Meisterwerk, das ich ihr noch nass unter dem Pinsel wegziehen konnte.
Herda: Wir konnten aber auch Blätter von Rudolf Großmann ersteigern, den wir schon in der Sammlung haben und die sein Verhältnis zu Beckmann neu beleuchten.

Christine Litz stammt aus Singen und studierte Kunstgeschichte in Köln und Bonn. Sie arbeitete im Kölner Museum Ludwig und leitet seit 2012 das Freiburger Museum für Neue Kunst.
Isabel Herda ist eine der Kuratorinnen des Museums für Neue Kunst in Freiburg und verantwortlich für die Graphische Sammlung des Hauses.