HINTERGRUND

Matthias Röder

Von Matthias Röder (dpa)

Di, 01. Oktober 2019

Panorama

Den Absendern geht es fast immer prächtig

Das Meer so klar, die Landschaft so schön, das Essen so lecker, das Wetter so super – klassischer könnte der Inhalt einer Ansichtskarte aus dem Urlaub nicht sein. Die knappen Texte über die angeblich schönsten Wochen des Jahres spiegeln aber auch den Zeitgeist. "Vor 30 oder 40 Jahren gehörte der Sonnenbrand im Urlaub einfach dazu. Den hat man dann auch stolz erwähnt", sagt der Sprachwissenschaftler Heiko Hausendorf von der Universität Zürich. Das schreibe heute niemand mehr. Hausendorf hat mehr als 13 000 Ansichtskarten auf ihre Muster und Besonderheiten untersucht. Eine Auffälligkeit: Den Schreibern geht es praktisch nie schlecht und lange vor der heute durch das Internet beförderten Angewohnheit, allem und jedem eine Note zu geben, seien auch schon früher gerne das Hotel, der Service, die Freundlichkeit bewertet worden, sagt Hausendorf. Der Unterschied zum Internetzeitalter mit allerhand Vergleichsportalen: Es las nur ein Empfänger.

 Seit Jahrzehnten wimmelt es auf Postkarten von erwartbaren Äußerungen über einen tollen Urlaub. "Der Küchenbulle ist ein Ass", formulierte einer noch vergleichsweise originell über das gute Essen. "Die Strände sind tatsächlich so schön", räumte jemand schon vor der Zeit oft bearbeiteter Motive mit dem Verdacht auf, es könne sich um Fake News handeln. "Ansonsten radeln wir viel", heißt es auf einer Karte zu den wohl dosierten Urlaubsaktivitäten.
 Trotz digitaler Grüße und der Flut von Urlaubsfotos per Smartphone bleibt die Karte Teil der Kommunikation. Laut Digitalverband Bitkom wollte diesen Sommer mehr als jeder zweite deutsche Urlauber Karte oder Brief an Daheimgebliebene schreiben. "Der Aufwand, den man für das Verschicken einer Karte betreiben muss, ist auch ein Ausdruck der Wertschätzung gegenüber dem Empfänger", meint Hausendorf.

 Lange war das Verschicken einer Ansichtskarte auch ein Fingerzeig auf den eigenen Wohlstand: "Wir können uns das leisten", sei die Botschaft gewesen, meint Hausendorf. Anfangs wurden die Grüße direkt aufs Bild geschrieben. Tatsächlich ist auch im Urlaub oder in der Kur meist nicht alles großartig. Erfrischend ehrlich die vorläufige Bilanz eines Mannes, der 1986 aus dem Allgäu über seine Schrothkur schrieb: "Halbzeit geschafft – Entbehrungen groß – Erholung super – Wetter schlecht. Herzliche Grüße, Richard".