Jeden Tag 230 000 Menschen mehr

Johannes Dieterich

Von Johannes Dieterich

Fr, 15. November 2019

Panorama

Niger kämpft mit Armut, in Äthiopien gelingt die Trendwende.

Kronprinzessin Mary geriet richtig ins Schwärmen. "Ein Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit" sei er gewesen, pries die dänische Monarchin, eine der Gastgeberinnen, den Bevölkerungsgipfel in Kairo: Damals, vor 25 Jahren, habe die Welt "eine mutige Vision" vom Verhältnis zwischen Bevölkerung, Entwicklung und individuellem Wohlbefinden gefunden.

Mehr als 6000 Delegierte klatschten zustimmend Beifall. Zumindest in der geschichtlichen Nachschau waren sich bei der am Donnerstag in der kenianischen Hauptstadt Nairobi zu Ende gegangenen Nachfolgekonferenz des Kairoer Gipfels alle einig: Will man das globale Bevölkerungswachstum in den Griff bekommen, müssen wirtschaftliche Entwicklung und Geburtenkontrolle zusammenspielen – und die Frauen als Schlüsselfiguren für eine Lösung in den Mittelpunkt gerückt werden.

Diese drei Koordinaten gelten als das "Schaubild" von Kairo. Tatsächlich hat die Menschheit seitdem einige Fortschritte erzielt: Der Prozentsatz der im Kindbett sterbenden Frauen wurde im vergangenen Vierteljahrhundert fast um die Hälfte verringert. Dagegen stieg die Zahl der Frauen, die über Zugang zu Verhütungsmitteln verfügen, um beinahe ein Viertel an. Bekam eine Frau 1994 im weltweiten Durchschnitt noch 2,8 Kinder, so sind es heute nur noch 2,5. Würde sich dieser Trend fortsetzen, hätte sich die Zahl der Erdenbürger spätestens in fünfzig Jahren stabilisiert.

Aus der Nähe betrachtet stellt sich der Erfolg allerdings als zweifelhaft heraus. Während sich die Geburtenquote in manchen Teilen der Welt wie in Europa oder China tatsächlich nivelliert hat oder gar rückläufig ist, steht in anderen Teilen des Erdballs eine Bevölkerungsexplosion erst noch bevor. Vor allem im südlich der Sahara gelegenen Teil Afrikas, wo sich die Bevölkerung bereits in den nächsten 32 Jahren erneut verdoppeln wird.

Neben den Indern sorgen vor allem Afrikaner dafür, dass es statt der heutigen 7,7 Milliarden Menschen schon in zehn Jahren 8,5 Milliarden geben wird. Ende des Jahrhunderts sollen es gar elf Milliarden sein. Derzeit wächst die Erdbevölkerung Tag für Tag um 230 000 Menschen. Das sind 82 Millionen Erdenbürger, die jedes Jahr zusätzlich ernährt und ausgebildet werden wollen und ein Leben mit Verdienstmöglichkeit erwarten.

Im westafrikanischen Niger bekommt eine Frau auch ein Vierteljahrhundert nach Kairo noch fast acht Kinder im Durchschnitt, bereits in dreißig Jahren wird sich die Zahl der Nigrer auf 60 Millionen verdreifacht haben. Zur selben Zeit werden 40 Prozent aller extrem armen Erdenbürger in zwei afrikanischen Staaten leben: in Nigeria und der Demokratischen Republik Kongo. Längst ist bekannt, dass wachsender Wohlstand fallende Kinderzahlen mit sich zu bringen pflegt. Doch wenn sich der Wohlstand – auch wegen der explodierenden Bevölkerung – partout nicht einstellt, hilft auch diese Korrelation nicht weiter.

Die Zahl der Schulkinder in Äthiopien hat sich verdoppelt

Die zweite unumstrittene Korrelation: Dass die bessere Ausbildung von Mädchen die Geburtenziffern reduziert. "Je länger ein Mädchen zur Schule geht, desto älter ist es, wenn es heiratet", erklärt eine Studie des Berliner Instituts für Bevölkerung und Entwicklung: "Diese Mädchen haben höhere Erwartungen an ihre Zukunft und tragen mehr zum Familieneinkommen bei." Für sie ist es von entscheidender Bedeutung, dass sie während ihrer Ausbildung und in den ersten Berufsjahren ungewollte Schwangerschaften verhindern können – und dafür brauchen sie Zugang zu Verhütungsmitteln.

Doch die Forderung von Kairo, dass alle Frauen Zugang zu Familienplanungsdiensten haben und von allen Formen sexueller Gewalt und schädlichen Praktiken fern gehalten werden sollen, ist auch ein Vierteljahrhundert später noch Zukunftsmusik. In traditionellen afrikanischen Gemeinschaften gelten Verhütungsmittel für Heranwachsende als "ungehörig", erläutert Candace Lew von der unabhängigen US-Gesundheitsorganisation Pathfinder International.

Jahr für Jahr kommt es in Entwicklungsländern zu 89 Millionen ungewollten Schwangerschaften – vor allem in Afrika sind Kinderehen und der soziale Druck, möglichst viele Babys zu bekommen, noch immer gang und gäbe.

Umso erstaunlicher, dass es ausgerechnet im zweitbevölkerungsreichsten Staat des Kontinents, in Äthiopien, zu einer beachtlichen Trendwende kam. Die Zahl der Kinder, die dort zur Schule gehen, hat sich in dem ostafrikanischen Staat in den vergangenen zwei Jahrzehnten verdoppelt – die Geburtenquote fiel von fast sieben auf 4,6 Babys pro Frau. Gleichzeitig nahm der Einsatz von Verhütungsmitteln um das Dreifache zu: Ein Viertel aller Äthiopierinnen nutzen heute langfristige Verhütungsmittel.

Experten führen die Trendwende vor allem auf die 34 000 Gesundheitsberaterinnen zurück, die Äthiopiens Regierung seit Beginn des Millenniums ausgebildet und eingestellt hat. Sie können auf Kosten des Staates Pessare setzen und Implantate injizieren, weswegen keine Äthiopierin heute noch Tagesreisen absolvieren muss, um sich ein Verhütungsstäbchen einsetzen zu lassen. "Äthiopien hat uns wirklich überrascht", sagt Alisa Kaps vom Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Der Beweis, dass die Kairoer Vision auch in Afrika verwirklicht werden kann.