Helferin gestorben

Mord auf offener Straße in Göttingen: Mutmaßlicher Täter gefasst

dpa

Von dpa

So, 29. September 2019 um 18:50 Uhr

Panorama

Eine Frau, die dem Opfer helfen wollte, ist mittlerweile ebenfalls gestorben. Nach der Tat vom Donnerstag und eineinhalbtägiger Flucht wurde der 52-jährige Verdächtige festgenommen – zur Erleichterung vieler.

Er lauerte ihr auf, überschüttete sie mit Brandbeschleuniger, zündete sie an und stach mit einem Messer auf sie ein. Eine zweite Frau, die der 44-Jährigen helfen wollte, griff er ebenfalls an. Beide Frauen sind mittlerweile tot, die 57-jährige Helferin, eine Kollegin des Opfers, starb am Samstag im Krankenhaus. Nach der Tat vom Donnerstag und eineinhalbtägiger Flucht wurde der 52-jährige Verdächtige am Freitagabend in Göttingen festgenommen – zur Erleichterung vieler.

Der mutmaßliche Täter äußerte sich nicht zu seinen Gewalttaten. Als ein weiterer Zeuge des Angriffs den Frauen mit einem Feuerlöscher zu Hilfe geeilt war, hatte der mutmaßliche Täter ihm diesen entrissen und damit auf den Kopf der 44-Jährigen eingeschlagen.

Er habe auf den Rat seines Verteidigers von seinem Recht Gebrauch gemacht, zu schweigen, sagte der Göttinger Oberstaatsanwalt Andreas Buick am Sonntag. Göttingens Kripo-Chef Thomas Breyer sagte zum möglichen Motiv des Mannes: "Wir gehen davon aus, dass es damit zu tun hat, dass er von ihr wiederholt abgewiesen wurde." Der gelernte Schreiner und Gelegenheitsarbeiter habe sich über längere Zeit um die 44-Jährige bemüht. "Er konnte bei ihr aber nicht landen", sagte Breyer.

Schon sechs Tage vor der Tat hatte der 52-Jährige seinem späteren Opfer Angst gemacht – er kletterte auf den Balkon der 44-Jährigen und warf Gegenstände herunter, wie Buick sagte. Mit ihr gesprochen oder sie bedroht habe er nicht. Die Frau rief die Polizei. Was folgte, waren ein Besuch der Beamten in seiner Wohnung und eine Gefährderansprache. Der Mann habe sich einsichtig gezeigt. Dass dies eine gefährliche Fehleinschätzung war, zeigte sich wenige Tage später: bei der Attacke auf die Frau am Donnerstag. Schwer verständlich, dass der Mann nach seiner unvorstellbar brutalen Tat auf der Flucht mehrmals bei der Polizei anrief, um sich nach dem Zustand der Opfer zu erkundigen. "Das ist eine Reaktion, die überhaupt nicht nachvollziehbar ist", sagte Göttingens Polizeichef Thomas Rath. Er habe Handys von Passanten geborgt – "völlig locker, nett und empathisch".

Zur Fahndung hatte die Polizei starke Kräfte mobilisiert, auch Hunde, Drohnen und Hubschrauber eingesetzt. Einmal wäre der Mann den Beamten fest ins Netz gegangen. In einem Nahverkehrszug in Richtung Hannover erkannte ihn eine Bahnmitarbeiterin und schloss ihn im Waggon ein. Der Zug wurde in Elze bei Hildesheim gestoppt, doch der eingeschlossene Verdächtige zerschlug eine Scheibe mit dem Nothammer und setzte sich ab. Völlig unerwartet suchte er dann in Hannover einen Anwalt auf. Nach Angaben der Polizei bat der Verdächtige um rechtlichen Beistand. Der Rechtsanwalt habe dies abgelehnt und die Polizei informiert. Dann sei der mutmaßliche Täter wieder abgetaucht. Schließlich wurde er in Göttingen gefasst. Ein Haftrichter erließ Haftbefehl.

Der Verdächtige war wegen mehrerer Vergewaltigungen in den 1990er-Jahren verurteilt worden. 1994, im dritten Vergewaltigungsprozess, hatte die Anklage neben einer Gefängnisstrafe auch Sicherungsverwahrung gefordert. Der Mann habe nach der Entlassung 2001 aber unauffällig gelebt, sagten die Ermittler.