Taubheit

Die nicht hören wollen

Sebastian Kretz

Von Sebastian Kretz

Sa, 11. Dezember 2010

Panorama

Taube Menschen gelten als behindert. Doch viele von ihnen fühlen sich wohl in einer Welt der Stille.

Die Frau am Schalter versteht sofort, als Claudia Mechela auf ihre Lippen zeigt und den Kopf schüttelt. Sie schiebt der blonden Reisenden ein Blatt Papier über den Tresen. Claudia hat ihre älteste Tochter in Hamburg besucht, sie steht unter den eisernen Bögen des Hauptbahnhofs und schreibt der Frau am Schalter auf, dass sie eine Rückfahrkarte nach Berlin lösen möchte.

Zeigen, Nicken, Kopfschütteln, das versteht man überall. Der Rucksacktourist am Schalter nebenan spricht nur Englisch, da dauert es länger. Ein irritierter Blick allenfalls, als Claudia die Frage nach einer weiteren Karte laut verneint, es ist ein kehliges, fremdes Geräusch. Im Klangsortiment des Deutschen ist es nicht vorgesehen. Claudia aber hört dieses Geräusch nicht, denn die 38-Jährige ist taub. Also behindert. Jedenfalls steht es so in ihrem Ausweis. "Ich empfinde das als Diskriminierung. Warum gelten Hörende als normal und wir als behindert?", fragt sie.

Kein Lärm stört die

Gespräche der Tauben.

Claudia, ungeschminkt, dunkelblondes Haar, randlose Brille, ist berufstätig und Mutter von drei Kindern. Und einer von etwa 80 000 tauben Menschen in Deutschland. Die geräuschlose Welt, die sie bewohnt, ist die beste, die sie sich vorstellen kann: "Ich bin taub und fühle mich sehr wohl, das ist meine Welt", sagt Claudia. Das heißt, sie zeichnet ihre Worte mit den Händen in die Luft, eine Dolmetscherin übersetzt dem Hörenden. Auch die Augen sprechen mit, das Gesicht, der gesamte Körper.

Die Gebärdensprache ist ungemein komplex, dreidimensional: Ihre Sprecher können bis zu neun Zeichen gleichzeitig darstellen – ohne einen Laut. Weder die quietschenden Bremsen der einfahrenden Züge, noch das Stimmengewirr der Reisenden oder die blechernen Lautsprecherdurchsagen stören Claudias Gespräch mit ihrer Tochter ...

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