Manche fliegen zum Atlantik

Lena Roser

Von Lena Roser

Fr, 20. September 2019

Pfaffenweiler

In Pfaffenweiler werden im Nistkasten aufwachsende junge Schleiereulen beringt.

PFAFFENWEILER. In den Händen liegt das Eulenjunge ganz ruhig auf dem Rücken. Mit den großen braunen Augen beobachtet es das Geschehen. Gleich wird es mit einem kleinen Ring um den Fuß versehen, einem mit einer einzigartigen Nummer, durch die es als Individuum registriert wird. Rolf Blattmann und Christian Harms ist die Szenerie in der Scheune in Pfaffenweiler vertraut. Seit vielen Jahren kümmern sie sich um die Vogeljungen aus der Umgebung.

Fünf Schleiereulen sollen in der Scheune beringt werden. Vor rund vier Jahren hat Rolf Blattmann, der sich ehrenamtlich für den Vogelschutz einsetzt, seinem Nachbarn vorgeschlagen, auch einen Nistkasten anzubringen. Er selbst hat seit 1986 einen Nistkasten in der Scheune. Dort sind bereits zu Beginn des Sommers Eulenjunge geschlüpft und vom Ornithologen Harms beringt worden. Der Nachwuchs in der Scheune des Nachbarn ist jetzt rund 30 Tage alt und auch bereit für die Beringung. "Dass nun im Spätsommer noch eine Brut ist, ist eher die Ausnahme", erklärt Harms. Seit rund zehn Jahren beringt der Ornithologe vor allem Uhus, Schleiereulen und Turmfalken in Freiburg und Umgebung.

Rolf Blattmann holt nach und nach die Jungen aus dem Nistkasten. Dessen Eingang hat er zu Beginn geschlossen, damit die Eulenjungen nicht aus Panik den Kasten verlassen. Fliegen können die meisten noch nicht, auch scheu genug sind sie noch, um die Beringung gut vornehmen zu können. Der Zeitpunkt sei relevant, erklärt Harms – der Fuß muss ausgewachsen sein, damit der Ring später nicht stört.

In der Vogelwarte Radolfzell werden die Daten gesammelt

Der Ring, den er anbringt, stammt aus der Vogelwarte Radolfzell. Anschließend werden die Eulenjungen gewogen und ihr Mittelfußknochen und die äußerste Schwungfeder gemessen. Diese Daten wird Harms an die Zentrale weitergeben. Sollten Vögel mit einem Ring gefunden werden, den er angebracht hat, wird er mit Informationen dazu versorgt. "Durch den Ring lassen sich viele Daten erfassen, etwa über das Alter und die zurückgelegte Strecke vom Beringungsort."

Die fünf Eulenjungen unterscheiden sich zum Teil sehr. Sie schlüpfen zu unterschiedlichen Zeiten. Der Abstand kann zwischen dem Jüngsten und dem Ältesten oftmals mehr als zehn Tage betragen. Dies ist auch in Pfaffenweiler deutlich zu sehen: Während die ersten Eulenjungen, die beringt werden, bereits eine ausgeprägte Flugmuskulatur haben, wird das Gefieder des letzten noch mit Flaum umgeben. Er wiegt rund 100 Gramm weniger als seine Geschwister.

Bei Futterknappheit seien die Jüngsten die Leidtragenden, so Rolf Blattmann. Anders als die anderen hält der Nestling bei der Beringung kaum Ruhe: "Man sieht, dass er sich schon eine Weile durchkämpfen muss. Hoffentlich kommt er durch. Großen Lebenswillen hat er jedenfalls", so Harms.

In zwei bis drei Wochen werden die fünf Eulenjungen selbstständig jagen können und den Familienbund verlassen. Ob sie sich von da an im Umkreis aufhalten oder einen weiten Weg auf sich nehmen, ist ungewiss. Ein Großteil bleibt in einem überschaubaren Umkreis von rund 50 Kilometern, es gibt aber auch Ausnahmen: So wurde eine Eule aus dem Nistkasten in Blattmanns Scheune später in Frankreich am Atlantik und eine andere in Tschechien gefunden. "Die Evolution braucht für den Fortschritt immer sowohl die Sesshaften als auch die Neugierigen", erläutert Harms.

Das Leben der Schleiereulen wird durch den Strukturwandel sehr beeinflusst. Es gibt kaum noch offene Scheunen und dort nicht mehr viele Mäuse. Daher ist die Zahl der Schleiereulen gesunken. Durch das Anbringen von Nistkästen kann man dem entgegenwirken.