Ferien

Prora auf Rügen: Vom Nazi-Klotz zur Wohlfühloase

Bernhard Honnigfort

Von Bernhard Honnigfort

Sa, 16. Juni 2018 um 19:45 Uhr

Panorama

BZ-Plus Es ist Europas größte Ruine: In das nie vollendete KdF-Bad in Prora auf Rügen kehrt Leben ein. Es wird gebaut, es wird gekauft, der Nazi-Klotz wird zur Wohlfühloase.

Prora. Mal sehen. Ein Container, zwei Korbsessel davor, ein Frau, die auf ihren Mann wartet und hofft, dass er keinen Unfug macht. "Den Prospekt mitnehmen kann man ja auf alle Fälle mal", sagt sie, während ihr Mann im Container "Beratung und Verkauf" steht und dem Berater und Verkäufer zuhört. Ein Rentnerpaar aus dem Ruhrgebiet, sie machen Urlaub auf Rügen. Ein leicht frischer Wind streicht von der Ostsee aufs Land, die Sonne scheint, etwas Möwengeschrei und noch mehr Baulärm, Handwerker bohren unentwegt Löcher in Beton. Die Frau sitzt in einem der Korbsessel vor dem Container und wartet weiter auf den Mann.
Prora auf Rügen, ein Ortsteil von Binz. Die beiden Herrschaften sind das kurze Stück mit dem Rad aus der Hauptgemeinde gekommen, wollen sich alles mal ansehen. In der Zeitung, ja, da haben sie schon mal etwas gelesen über dieses seltsame Bauwerk aus der Nazizeit, das nie fertig wurde. Über vier Kilometer lang, ein Riegel aus gewaltigen Blöcken mit 20 000 Wohnungen. Direkt am Strand im Bogen der Prorer Wiek, Erholung für Wehrmachtssoldaten.
Im Verkaufsbüro geht es zu wie im Taubenschlag
So hatte Hitler sich das in den 1930ern vorgestellt. Als der Krieg begann, endeten die Bauarbeiten und die Maurer zogen weiter. Die Ruinen blieben bis heute. "Aber wenn man selbst mal davor steht", sagt die Frau im Korbsessel. "Ist schon unglaublich. Kann man sich so gar nicht vorstellen. Muss man gesehen haben." Sie nickt dazu. "Mein Stück Rügen", steht auf dem Prospekt in ihrer Hand. Das Titelfoto zeigt die Ostsee, am linken Rand die Kreidefelsen, eine Frauenhand hält ein silbernes Tablett im Vordergrund, eine schicke Wohnung mit flackernde Kamin als Tortenstück darauf, oben noch ein Sahneklecks mit der Beschriftung: "Mit Denkmal AfA".
Ein Stück Kuchen mit Steuer-Abschreibung, wer kann da widerstehen, wenn einem so sahnesüß Wohnungen zum Kauf angeboten werden. Ihr Mann kommt aus dem Container, andere drängen hinein, die Tür ist nie zu. Raus, rein, rein, raus, es geht zu wie in einem Taubenschlag. "Mal sehen", sagt er zu seiner Frau. Abwarten, er will zu Hause in Ruhe überlegen, nichts übers Knie brechen, ist ja viel Geld. Eine Frau aus Trier folgt ihm aus dem Container. Auch sie hat den Tortenwohnungs-Prospekt in der Hand, war beim Verkäufer/Berater, weil sie mal genau die Zahlen hören wollte, die nicht auf dem Werbeflyer stehen. "3500 Euro pro Quadratmeter im Erdgeschoss mit Terrasse, 6500 Euro oben mit Anteil an der Dachterrasse", erzählt sie. Und? Am Kauf einer Wohnung interessiert? "Auf keinen Fall", ...

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