Unter Spinnern

Mit Material von dpa

Von Mit Material von dpa

Sa, 17. Oktober 2020

Bildung & Wissen

Spinnen sind wenig beliebt, nützlich und gefährdet – und es gibt viel über sie zu erzählen /.

Pfui Spinne! Die achtbeinigen Krabbler sorgen bei vielen Menschen für Ekelgefühle – dabei sind sie für unser Ökosystem extrem nützlich. 48 000 Spinnenarten kennt man laut der Arachnologischen Gesellschaft – davon rund 1000 in Mitteleuropa. Ähnlich wie den Insekten geht es auch den Spinnen nicht gut: Fast ein Drittel der in Deutschland heimischen Arten steht auf der Roten Liste. Dabei leisten die Spinnen viel, auch für den Menschen: Sie jagen Mücken, Fliegen, Asseln, Silberfischchen und ähnliches. Alle Spinnen der Welt könnten jedes Jahr 400 bis 800 Millionen Tonnen Beute machen, schätzt der Spinnenforscher Klaus Birkhofer von der Universität Cottbus. Damit würden sie ihm zufolge etwa so viel essen wie die Menschheit jährlich an Fleisch und Fisch konsumiert – oder mehr. Grund genug, sich ein paar unterhaltsame Fakten zu Spinnen anzuschauen, finden wir.

Vernetzt

Was verbindet man hierzulande am meisten mit Spinnen? Richtig, das Netz. Als immer mehr Insekten auftauchten, entwickelten die Spinnen das Netzespannen als äußerst raffinierte Jagdstrategie. Das war irgendwann vor 200 bis 300 Millionen Jahren, schätzen Forscher. Dank eines Fundes ist es jedenfalls gesichert, dass Spinnen mit dieser Methode bereits vor 110 Millionen Jahren Beute machten. Das berichten der Spinnenforscher Peter Michalik von der Uni Greifswald und Kollegen in der Fachzeitschrift PeerJ: In einem Bernstein, der in Spanien gefunden wurde, fanden sich ein Käfer, eine Fliege, eine Milbe und eine Wespe – verfangen in 26 klebrigen Spinnenfäden.

Gezielt

Bei der Konstruktion ihrer Netze zeigen die Achtbeiner Meisterleistungen. Weht der Wind günstig, heben die Tiere einfach ihren Hintern in die Höhe. Die Brise trägt den wachsenden Faden mit ein wenig Glück zum nächsten Ast. Von diesem ersten Brückenschlag aus konstruieren die Spinnen ihr Netz. Den Rekord in dieser Disziplin hält Darwins Rindenspinne, die in einem Nationalpark auf Madagaskar einen solchen Ankerfaden 25 Meter weit gespannt hatte. Das größte bislang vermessene Netz dieser Spinnen, die selbst nur an die zwei Zentimeter groß werden, spannte sich über 2,8 Quadratmeter – es war also größer als eine Haustüre. Und das mit Fäden, die rund zehnmal reißfester sind als die in schusssicheren Westen verarbeiteten Kevlar-Fäden. Herrscht Flaute, dann ist bei den Netzwerkern Beinarbeit gefragt: Dann hebt die Spinne den gut verankerten Faden mit einem Bein in die Höhe und läuft auf den restlichen sieben Beinen durchs Geäst bis sie einen geeigneten Ast für das andere Ende des Ankerfadens gefunden hat.

Chaotisch

Um ein symmetrisches Netz zu bauen, sollten Spinnen bei klarem Verstand sein, das fand der Basler Pharmakologe Peter Witt bereits 1948 heraus. Für Filmaufnahmen wollte der Forscher den Arbeitsrhythmus der Spinnen verändern: Statt zu nachtschlafender Zeit sollten die Tiere tagsüber ihre Netze spinnen. Dazu fütterte Peter Witt den Tieren Substanzen wie LSD, Meskalin oder Strychnin, die das Bewusstsein beeinflussen. Der gewünschte Erfolg stellte sich nicht ein: Die Spinnen behielten ihren Rhythmus bei. Die Netze allerdings veränderten sich stark. Als die Nasa in den 1990er Jahren diese Forschung weiter trieb, konnte sie die Ergebnisse aus der Nachkriegszeit bestätigen: unter dem Einfluss von Koffein etwa baute die Spinne ein regelrecht kubistisch anmutendes Gebilde – aber kein Netz mehr.

Lauerjäger

Doch nicht jede Spinne baut Netze. "An sonnigen Waldrändern kann man auf der Insel Rügen zum Beispiel Tapezierspinnen beobachten, die in einer Wohnröhre unter der Erde leben", sagt Spinnenforscher Peter Michalik. An der Oberfläche spinnen die Tiere dann eine schlauchförmige Verlängerung der Röhre. "Läuft über diese Röhre Beute, schießt die Spinne an diese Stelle und beißt durch den Seidenschlauch in das Opfer, das sie anschließend in ihre Behausung schleppt." Andere Spinnenarten verzichten ganz auf Fäden bei der Jagd: Sie lauern in einem Versteck und attackieren von dort aus ihre Opfer. Oder sie laufen umher und schnappen sich ihre Beute rennend oder mit einem Sprung.

Segelflug

Kleine Spinnenarten und Jungtiere können ihre Fäden auch als Mini-Segel nutzen, das sie – ähnlich wie ein Gleitschirm – durch die Lüfte trägt. Dazu produzieren die Tiere besonders dünne Fäden, in die sie normalerweise eine Beute einwickeln, bevor sie diese mit ihren Körpersäften verflüssigen. Fährt ein Windhauch in einen Fächer aus zehn oder zwanzig solcher Fäden, trägt die Luft dieses Gebilde mitsamt der daran hängenden Spinne davon. Und das nicht nur ein paar Meter weit: Der Segelflug-Rekord einer Spinne dürfte bei mindestens 3200 Kilometern liegen, schreiben Peter Michalik und seine Kollegen in der Zeitschrift PeerJ: So haben Spinnen etwa eine mitten im Ozean entstandene Vulkan-Insel besiedelt.

Lasso-Jagd

Die Jagdmethode der Bola-Spinnen in Australien, Afrika und Nordamerika gehört zu den raffiniertesten Beute-Strategien: Statt wie ihre Verwandtschaft aus der Familie der Radnetzspinnen ein sauberes Netz aufzuspannen, produzieren diese Tiere nur einen Faden. An dessen Ende sitzt eine schleimige und klebrige Kugel, die mit einem Sexuallockstoff getränkt ist. Fliegt das so angelockte Beutetier in die Nähe, schleudert die Spinne ihr Lasso nach ihm, die Beute bleibt an der Kugel kleben und die Spinne kann ihre Mahlzeit einspinnen.

Giftige Beisser

Einige Spinnenarten sind giftig. Laut dem Spinnenkundler Peter Jäger vom Senckenbergmuseum sind aber nur 20 bis 40 Spinnenarten weltweit so giftig, dass ein Biss beim Menschen starke Symptome hervorrufen kann. In Deutschland gibt es nur eine davon: der Ammendornfinger. Der Nabu beschreibt ihn allerdings als scheu, er wehre sich nur mit einem Biss, wenn er massiv gestört werde.

Rekorde

Peter Michalik und Kollegen haben in ihrem Artikel in PeerJ eine ganze Reihe von Spinnen-Rekorden gesammelt: Die größte Art bringt 170 Gramm auf die Waage und steckt eine Amsel damit in die Tasche. Das kleinste Weibchen ist nicht einmal einen halben Millimeter groß – die Männchen der Art wurden noch nicht gesichtet. 30 Zentimeter Spannweite hat das längste Spinnenbeinpaar, und acht Augen gehören bei vielen Arten zur Standard-Ausstattung. Auch in Sachen Beute leisten Spinnen den Forschern zufolge Rekordverdächtiges: So wurde eine Spinne dabei beobachtet, wie sie einen neun Zentimeter langen Goldfisch erbeutete, auch Kröten, kleine Tauben und Fledermäuse stehen auf der Liste.